Domspitzen

Erzbistum Köln - Täter werden kaum kontrolliert

Stand: 28.01.2022, 18:50 Uhr

Wie werden geistliche Missbrauchstäter kontrolliert? Das Erzbistum räumt auf Nachfrage des WDR ein, dass eine konkrete Stelle dafür bis heute nicht geschaffen ist.

Von Christina Zühlke

Was tun, wenn ein Pfarrer Kindern sexualisierte Gewalt angetan hat und weiterhin im Erzbistum Köln lebt? Im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Pfarrer Ue., steht nun die Frage im Raum, wie das Erzbistum Köln überhaupt hier lebende Missbrauchstäter kontrolliert.

Gängige Praxis ist es, den Priester von seinen Aufgaben zu entbinden, ihm die Ausübung seines Priesteramtes zu untersagen und in der Regel auch, Kontakt mit Kindern aufzunehmen. Aber wie kontrolliert das Erzbistum, dass der Priester sich auch an diese Auflagen hält?

Kontrollen nicht ausreichend

Im Missbrauchsgutachten der Kanzlei Gercke bemängeln Gutachter schon im März 2021, dass das Erzbistum Köln diese Kontrolle nicht ausreichend ausübt. Die Gutachter schreiben deshalb: "In der Vergangenheit war unklar, wer für die Überwachung der Auflagenerfüllung durch die kirchenstrafrechtlich sanktionierten Kleriker verantwortlich war. In Zukunft sollte durch die Schaffung einer eigenen Stelle sichergestellt werden, dass die gegenüber den Klerikern erteilten Auflagen auch tatsächlich eingehalten werden."

Die Stelle solle ähnlich einer "Bewährungsaufsicht" ausgestattet sein, schlagen die Gutachter vor. Sie schreiben auch, dass die Installation einer Kommission in Planung sei.

Die geplante Kommission tage mittlerweile, schreibt das Erzbistum auf WDR Nachfrage. Aber konkrete Kontrollmaßnahmen seien noch nicht beschlossen. Wie viele Täter leben im Erzbistum Köln? Das wolle man nicht beantworten. Wie leben die Täter - in einem Kloster oder allein? Keine Antwort.

Im Fall des jetzt wegen Missbrauchs angeklagten Pfarrers Ue. sei ein Vorgesetzter, der Kreisdechant, informiert gewesen. Weitere Kontrollen gibt es im EBK derzeit nicht. Täter werden nicht aktiv besucht. Es wird nicht geschaut, ob sie beispielsweise neben einem Kindergarten wohnen. Und sie müssen sich nicht regelmäßigen Fragen durch Therapeuten stellen.

Bistum Essen hat Bewährungshelfer

Eine Kommission soll das nun verbessern, aber noch gibt es offenbar keine konkreten Pläne. In anderen Bistümern ist die Kontrolle der Täter längst Alltag. Im Bistum Essen zum Beispiel wird der im Münchner Gutachten erwähnte Serientäter Pfarrer H. mehrmals die Woche von einer Art kirchlichen Bewährungshelfer besucht und muss außerdem regelmäßig die Fragen eines Therapeuten beantworten.

Der Kölner Anwalt Christian Mertens sieht das Erzbistum Köln als Arbeitgeber in der Pflicht:

"Zur Zeit lässt das Erzbistum eigentlich alle im Regen stehen. Die Priester und die Kinder." Christian Mertens, Anwalt

Die Gefahr für erneute Übergriffe steige und die Täter bekämen keine Therapie, so der Jurist. "Überhaupt gar nichts zu tun, finde ich problematisch. Insbesondere, wenn das Bistum Essen schon eine Praxis etabliert hat, an der man merkt, was man tun kann und was tun sollte."

Betroffene: Erzbistum Köln viel zu spät

Dabei hat es bereits 2018 Stimmen im Erzbistum gegeben, die auf eine bessere Kontrolle der Auflagen drängten, das haben Recherchen des WDR ergeben. Die Forderungen sind aber offenbar nicht auf offene Ohren gestoßen.

Patrick Bauer, Mitarbeiter des Erzbistums und selbst Betroffener hat kein Verständnis für die mangelnde Kontrolle:

"Es ist lächerlich, dass erst jetzt eine Kommission arbeitet, das hätte man 2010 schon machen können. Das Erzbistum ist damit viel zu spät." Patrick Bauer, Mitarbeiter Erzbistum

Es zeige einmal mehr, dass die Anliegen der Betroffenen und der Schutz der Kinder nicht wirklich ernst genommen würden.

Vor zwei Jahren, als er noch im Betroffenenbeirat war, habe das Bistum stolz verkündet, der Bischof werde nun jeden Täter einmal im Jahr besuchen, erinnert sich Patrick Bauer. Er habe daraufhin gefragt: "Werden Sie auch jeden Betroffenen einmal im Jahr besuchen?"

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