Die überfüllte Zülpicher Straße am 11.11.

Zoff um Karneval in Köln – feiern oder nicht?

Stand: 27.01.2022, 18:32 Uhr

Während das Kölner Festkomitee alle Saalveranstaltungen an Karneval abgesagt hat, werden anderswo in der Stadt Veranstaltungen und Konzerte stattfinden. Das sorgt für Zoff.

Von Martin Henning

Für Deiters-Chef Herbert Geiss ist es ein Kraftakt. "Seit zwei Jahren schlagen wir uns von Welle zu Welle und von Lockdown zu Fast-Lockdown", sagt er dem WDR. Während der Corona-Pandemie sei der Umsatz seines Unternehmens um 95 Prozent gesunken. "Ich muss jetzt für mein Unternehmen mit 700 Mitarbeitenden tätig werden."

Deiters-Chef Herbert Geiss.

Deiters-Chef Herbert Geiss

Geiss und Deiters sind das Risiko eingegangen: Am vergangenen Wochenende hat der Kostümriese die erste Ausgabe seiner Karnevalsreihe "Humba Tätärä" im Kölner Lindner-Hotel veranstaltet. 750 Gäste, Drei-Gänge-Menü, Musik und gute Stimmung – alles coronakonform. "Die Leute haben Spaß, wir bekommen sehr positives Feedback“, sagt Geiss. Bei den Veranstaltungen gelte 2G+, man halte sich an alle Regeln. "Wir sind kein Pandemietreiber."

Karnevalisten enttäuscht nach Treffen mit dem Land

WDR 5 Westblick - aktuell 27.01.2022 05:33 Min. Verfügbar bis 27.01.2023 WDR 5


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Karneval in Köln: Misstöne zwischen Deiters und Festkomitee

Deiters sieht sich zum Handeln gezwungen. Zwar mache man mit jeder Veranstaltung Minus, sagt Geiss, aber es sei eine gute Möglichkeit, um den Verkauf der Kostüme und Verkleidungen anzukurbeln. Zwei Jahre Ebbe in der Kasse gehen auch an einem 101-jährigen Traditionsunternehmen nicht spurlos vorüber.

Eigentlich hätte auch das Dreigestirn bei der ersten "Humba Tätärä"-Ausgabe auftreten sollen. Doch dann zog das Festkomitee Kölner Karneval seine Zusage kurzfristig zurück. Offenbar, weil es zunächst von einer Veranstaltung mit Abendessen ausgegangen sei. Dann sei aber der Eindruck entstanden, dass eine Kostümsitzung geplant gewesen sei. Und genau davon hatte das Festkomitee seinen Karnevalsgesellschaften ja abgeraten.

Für Geiss unverständlich, zumal das Dreigestirn am gleichen Abend in einem anderen Raum des Lindner-Hotels auftrat. Der Ärger darüber sei mittlerweile verflogen, sagt der Deiters-Chef. Man stehe als Partner weiterhin in engem Austausch mit dem Festkomitee.

Karneval: Kölner Karnevalsgesellschaften sind sauer

Karneval feiern oder nicht? Diese Frage spaltet die Jecken. Das Festkomitee hat nach langer Abwägung Ende Dezember die Empfehlung ausgesprochen, wegen Corona auf den Sitzungskarneval zu verzichten.

"Für uns ist das ein großes Spannungsfeld", sagt FK-Präsident Christoph Kuckelkorn dem WDR. "Die Karnevalsgesellschaften verstehen die Situation nicht. Sie sehen, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Dass Veranstaltungen, die eigentlich nicht stattfinden dürften, stattfinden. Da regt sich Unmut."

"Wir befürchten, dass wir noch schlimmere Bilder sehen als letztes Jahr"

Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn.

Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn.

Die Gesetzgebung des Landes NRW ist in diesem Punkt klar: In Innenräumen sind Veranstaltungen bis maximal 750 Personen erlaubt. Doch viele Karnevalsgesellschaften wollen das Risiko nicht mehr eingehen. Die Folgen der aktuellen Corona-Regelungen – sie sind skurril: Der Kneipenkarneval ist erlaubt, das gemeinsame Feiern zu Hause nicht. Der Straßenkarneval, auch an Hotspots wie der Zülpicher Straße, wird wohl stattfinden. Der Sitzungskarneval ist dagegen größtenteils abgesagt.

FK-Präsident Kuckelkorn befürchtet schlimme Szenen, weil die Menschen nun vom organisierten Karneval in die Hotspots abwanderten:

"Nach dem 11.11. haben alle gesagt: 'Die Bilder aus Köln sind unerträglich, die wollen wir nicht mehr sehen.' Seitdem ist aber nichts passiert. Der Stadt Köln fehlen die Instrumente, um durchzugreifen. Das Land NRW hat sich nicht geregt. Wir befürchten, dass wir noch schlimmere Bilder sehen werden als letztes Jahr." Christoph Kuckelkorn, FK-Präsident

Karnevals-Konzerte im Jugendpark

Während bei den Karnevalsgesellschaften also Unsicherheit herrscht, wollen Deiters und andere kommerzielle Veranstalter ausloten, was trotz Corona an Karneval möglich ist. Auch "BonnLive", das zwischen dem 4. Februar und Rosenmontag (28. Februar) insgesamt 21 Konzerte im Deutzer Jugendpark veranstaltet.

"Für uns als Rheinländerinnen und Rheinländer war klar, dass der Karneval nicht ausfallen darf. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass es wegen der Pandemie gerade nicht möglich ist, so zu feiern, wie wir uns das alle wünschen", sagt "BonnLive"-Geschäftsführer Julian Reininger dem WDR. Letztes Jahr gab es die "Carnevalskonzerte" im Auto, dieses Jahr feiern die Jecken draußen, unter einem offenen Zeltdach. Pro Konzert seien auch hier 750 Zuschauende erlaubt, sagt Reininger.

"Sie sitzen an Biertischen in abgetrennten Parzellen mit jeweils acht Plätzen. Zwischen den Parzellen gibt es jeweils einen Sicherheitsabstand", sagt Reininger. Es gilt 2G+. Wer von seinem Platz aufsteht, muss die Maske anziehen. Statt Schlangen an Getränkeständen gibt es Kellner, die die Getränke liefern." Julian Reininger, "BonnLive"-Geschäftsführer

"Karneval funktioniert nicht über Zoom"

Deiters-Chef Geiss, der als erster den Schritt zu Veranstaltungen wagte, glaubt, dass sein Vorstoß Motivation für andere ist. Erste Karnevalsgesellschaften haben bereits angekündigt, Veranstaltungen durchzuführen.

Geiss glaubt, dass sein Vorstoß auch beim Festkomitee zu einem Umdenken geführt hat. Er ist zuversichtlich, dass das Dreigestirn bei den nächsten Ausgaben von "Humba Tätärä" dabei ist. Immerhin hätten alle das gleiche Ziel. "Der Jeck vermisst den Karneval. Der Karneval tut der Gesellschaft gut. Der funktioniert aber nicht über Zoom, sondern live und in Farbe."