Im Brutkasten infiziert: 21 Jahre Kampf um eine Rente

21 Jahre kampf Jessis Rente

Im Brutkasten infiziert: 21 Jahre Kampf um eine Rente

Von Michaela Heiser

  • Hirnhautentzündung nach Infektion im Brutkasten
  • Familie kämpft jahrelang um Rente
  • Bundessozialgericht: Genossenschaft muss zahlen

Jessi Fidkowski arbeitet in der Solinger Behindertenwerkstatt der Lebenshilfe. Die 27-Jährige kam gesund zur Welt, aber viel zu früh. Das Baby musste im Rostocker Universitätsklinikum in den Brutkasten - dort löste ein Krankenhauskeim eine Hirnhautentzündung aus. Um Jessi abzusichern, kämpften ihre Eltern 21 Jahre vor Gericht für eine Rente. Bis sie im Mai 2019 Recht bekamen: Die Bundessozialgericht wertete die Infektion als Unfall, die Verwaltungsberufsgenossenschaft müsse zahlen.

Junge Frau auf Hilfe angewiesen

Jessis Mutter, Mariola Fidkowski, kann es immer noch nicht fassen: "Das war wie im Film, nach so vielen Jahren, dass das doch durchgegangen ist.“ Am Anfang war der Familie nicht klar, welche Folgen die Infektion hatte. Ein Leben mit Therapien begann. Das kleine Mädchen gab nicht auf;  trotz spastischer Lähmungen lernte Jessi selbstständig zu laufen.

Anwalt riet durchzuhalten

Jessi unnd ihre Mutter sitzen am Esstisch in der Küche

Jessi und ihre Mutter

Aber sie wird nie ohne fremde Hilfe leben können. Deswegen der Kampf um die Rente. Auch wenn es für die Eltern oft hart war: "Wir sind dran geblieben ja, wir wollten ja auch schon aufgeben, aber der Anwalt hat uns gesagt, wir sind ganz nah dran zu gewinnen, dann haben wir weitergemacht, bis eben 21 Jahre vergangen sind.“

Jessi: ein Versicherungsfall

Nach dieser langen Verfahrensdauer hat das Bundessozialgericht Jessis Fall jetzt als Versicherungsfall gewertet. Gesetzlich Krankenversicherte seien bei stationärer Behandlung unfallversichert. Nach Ansicht der Richter war das Frühchen dem Krankenhauskeim im Brutkasten hilflos ausgeliefert, ohne dass ein Behandlungsfehler nachgewiesen werden könne. Die Entscheidung: Für Jessis Rente muss die Verwaltungsberufsgenossenschaft aufkommen.

Einzelfall oder nicht?

Die möchte das Verfahren nicht als Vorbild für ähnliche Fälle gewertet wissen und schreibt auf WDR-Anfrage: "Aus dem Terminbericht des Bundessozialgerichts (BSG) (…) ergibt sich nicht, dass durch sogenannte Krankenhauskeime verursachte Gesundheitsschäden immer als Versicherungsfall anzuerkennen sind. (…) Das BSG hat in einem besonders gelagerten Einzelfall entschieden (…).“

Höhe der Rente noch unklar

Wie viel Geld Jessi bekommt, ist noch nicht klar. Die Anwälte bleiben dran. Und Jessi Fidlowski? Sie hat gelernt, ihre Behinderung zu verstehen und mit ihr umzugehen. "Es ist nicht so, wie es sein sollte, denn ich kann nicht das, was ich hätte machen können, ohne die Krankheit.“ An ihrem Arbeitsplatz in der Solinger Behindertenwerkstatt fühlt die 27 Jährige sich wohl. Ihre Kollegen freuen sich mit ihr und finden, sie sei mit ihrer Familie ein Vorbild für alle Menschen mit Beeinträchtigung.

Frühchen mit Keimen infiziert Lokalzeit 05.09.2019 03:16 Min. Verfügbar bis 05.09.2020 WDR

Stand: 05.09.2019, 12:09