In der ehrenamtlich betriebenen Zahnklinik werden Geflüchtete aus dem Lager behandelt.

Im Kampf gegen Zahnschmerzen

Stand: 21.02.2022, 15:53 Uhr

Zwei Zahnärzte aus Bornheim haben inmitten eines Flüchtlingslagers auf der griechischen Insel Chios eine Zahnklinik eröffnet. Denn Zahnhygiene kommt bei einer Flucht oft zu kurz.

Von Marius Reichert

„Salam aleikum“, ruft Alexander Schafigh zwei jungen Männern zu. Sie sitzen auf einer schmalen Bank. Awad und Ihab sind Cousins, sind aus Palästina geflüchtet und leben erst seit wenigen Tagen auf der griechischem Insel Chios.

Sie haben starke Zahnschmerzen, haben lange auf eine Behandlung warten müssen. An diesem Tag sind sie die ersten Patienten in einer besonderen Klinik, der mobilen Zahnklinik von Ann Christin und Alexander Schafigh. 

Klinik in vier Tagen

Am Donnerstag sind die beiden Zahnärzte aus Bornheim aufgebrochen - mit einem strammen Programm und einem klaren Ziel: In nur vier Tagen wollen sie eine Mini-Zahnklinik inmitten eines Flüchtlingscamps eröffnen.

„Es gibt kaum etwas Schlimmeres als in solch einem Lager leben zu müssen“, sagt Alexander Schafigh zu seiner Motivation „Schlimmer geht nur, wenn man dazu noch Zahnschmerzen hat.“

Der Bornheimer fühlt sich den Menschen verpflichtet, ist seit Beginn der großen Migrationsströme in der Flüchtlingshilfe aktiv. Seine Tochter unterstützt ihn dabei. Gemeinsam führen sie eine Praxis. In ihrer Freizeit helfen sie dort, wo andere längst nicht mehr hinschauen.

 Chios ist Sammelpunkt für Geflüchtete

Chios ist eine Insel in der nördlichen Ägäis. Die Türkei ist etwa zehn Kilometer entfernt. Das macht das Eiland zum sogenannten Hotsport, also zu einem Ort, an dem Flüchtlinge in großer Zahl ankommen.

„Sie versuchen, über Schlepper und auf wackligen Booten von Izmir nach Griechenland zu kommen“, berichtet Alexander Schafigh. Seine Patienten erzählen ihm davon, wie griechische Kriegsschiffe sie versucht hätten zurückzudrängen - so genannte Pushbacks.

Manche Flüchtlinge hätten bis zu 20 Mal versucht, um Griechenland, Europa, zu erreichen. Kostspielig, und jedes Mal lebensgefährlich: „Ich bin nicht der Meinung, dass man Menschen, die ihr Glück suchen, daran hindern sollte. Jeder hat das Recht auf Asyl“, sagt Schafigh

Stacheldraht macht Camp zur Festung 

Das Flüchtlingslager Vial liegt im Hinterland der Insel Chios. Streng bewacht von Militär, Polizei und einem privaten Sicherheitsdienst. Die Bewohner dürfen das Camp zwar verlassen; für Außenstehende bleibt es jedoch ein abgeschirmter und bisweilen geheimer Ort. Offenbar haben die Behörden Angst, dass Schlepper in der Türkei zu viele Informationen bekommen könnten. 

Flüchtlingslager auf Chios

Die Baracken des Flüchtlingslagers Vial auf Chios.

Etwa 700 Menschen leben hier aktuell - es waren einmal mehrere Tausend. „Damals mussten die Menschen in Zelten und Baracken leben, überall gab es Rattenbisse - unzumutbare Zustände“, berichtet Alexander Schafigh.

Hilfsorganisation extra neu gegründet

Die Zelte sind inzwischen zwar weg, die Menschen leben stattdessen in Containern, warten auf eine Entscheidung der griechischen Behörden, wie es für sie weitergeht. Sie hoffen auf eine Zukunft in Europa. 

Alexander Schafigh hat für seine Arbeit eine eigene Hilfsorganisation gegründet. Zehn Ehrenamtler helfen ihm dabei. Sie kommen aus der ganzen Welt, sind Zahnärzte und Assistenten, wechseln sich ab, so dass nahezu jeden Tag ein Fachmann im Camp ist.

Das Equipment kaufen sie von Spenden. Im Lager dürfen sich die Freiwilligen ganz offiziell und frei bewegen. Die Behörden vertrauen ihnen; die Bewohner des Camps ebenso. 

Zähneputzen kommt zu kurz

Alexander Schafigh erklärt, warum seine Arbeit so wichtig ist: „Die Menschen haben auf der Flut andere Sorgen als sich die Zähne zu putzen.“ Er berichtet von Müttern, die ihren Kindern Zuckerwasser gaben - tagelang, aus blanker Not. „Irgendwann kommen die Entzündungen, der Karies. Dann müssen wir handeln.“ 

Dank der Unterstützung durch andere Helfer ist der kleine Container pünktlich eingerichtet. Die Ärzte können hier nun fast alle zahnärztlichen Behandlungen durchführen. Die ersten Patienten Ihab und Awad sind glücklich, dass ihnen geholfen wird. Nach der Behandlung bekommen sie noch zwei Zahnbürsten. „Nie wieder ohne Zähneputzen“, sagt der jüngere, Awad.

Auf die beiden Flüchtlinge warten Monate der Ungewissheit, bis eine Entscheidung über ihren Asylstatus gefällt wird. Alexander Schafigh und seine Tochter könnten die beiden wiedersehen - im Sommer wollen sie wieder nach Chios reisen. Im Kampf gegen Zahnschmerzen. 

Über dieses Thema haben wir am Montag (21.02.2022) um 09:15 Uhr im WDR5 Morgenecho berichtet.

Flüchtlingshilfe auf Lesbos: Zahnarzt aus Bornheim

Lokalzeit aus Bonn 18.02.2020 05:14 Min. Verfügbar bis 21.02.2023 WDR Von Marius Reichert