Gestrandet in Kabul - Zwölfjähriger in Lebensgefahr

Gestrandet in Kabul

Gestrandet in Kabul - Zwölfjähriger in Lebensgefahr

Von Claudia Becker

In der Nähe von Kabul verstecken sich ein Vater und sein 12-jähriger Sohn aus Jülich vor den Taliban. Beide sind deutsche Staatsbürger.

Ein verlassenes Haus in der Nähe von Kabul. Eingepfercht mit 20 anderen  Flüchtlingen versteckt sich hier der Zwölfjährige Karim (Name geändert) zusammen mit seinem Vater vor den Taliban. Beide sind deutsche Staatsbürger, beide leben in Jülich. "Finden uns die Taliban", sagt Vater, "sind wir als Deutsche mit afghanischen Wurzeln in Lebensgefahr".

Eigentlich wollten sie im Sommer nur für zwei Wochen zu einer Hochzeit fliegen – Karim sollte endlich die Familie in Afghanistan kennenlernen. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Die Taliban übernehmen die Macht, die Luftbrücke raus aus dem Land bricht ab. Karim und sein Vater sind in Kabul gefangen. "Das war der größte Fehler meines Lebens", sagt uns Karims Vater am Telefon unter Tränen. Die Schuldgefühle machen ihn seit Monaten fertig.

Karims Nachhilfelehrerin in großer Sorge

Im 7.000 Kilometer entfernten Jülich starrt Meral Dural besorgt auf ihr Handy. Wieder und wieder wählt sie die Nummer von Karims Vater - doch der geht nicht ran. "Ich hab in solchen Momenten immer Angst", sagt sie. "Ich weiß dann nicht, ob es den beiden gut geht, ob etwas Schlimmes passiert ist." Meral ist Nachhilfelehrerin. Seit Jahren unterrichtet sie den kleinen Karim. Er sei ihr sehr ans Herz gewachsen, erzählt sie uns. Jetzt hat sie ständig Angst um sein Leben.

Gestrandet in Kabul

Meral Dural - Nachhilfelehrerin von Karim

Wann immer sie mit ihm spricht, wägt sie jedes Wort sorgfältig ab. "Vor kurzem habe ich zu ihm gesagt: Es ist wieder Weckmann-Saison! Du musst nach Hause kommen und dir deinen Weckmann abholen." Karim habe daraufhin die ganze Nacht geweint. "Jetzt bin ich vorsichtig mit solchen Äußerungen. Ich will dem Jungen keinen Appetit auf einen Weckmann machen, wenn ich nicht mal weiß, ob er je wieder einen Weckmann essen wird."

Seit Monaten kämpft sie einen verzweifelten Kampf, um die beiden endlich wieder nach Hause zu holen, bettelt bei Botschaften, schreibt verzweifelte Emails an die deutsche Regierung, hat eine Spendenkampagne ins Leben gerufen – alles vergeblich. "Die sind doch deutsche Staatsbürger! Wir leben in einem Rechtsstaat. Die beiden haben ein Recht auf ein Leben in Deutschland."

Karims Vater: "Meinem Sohn geht es nicht gut."

Dann schließlich: Karims Vater geht ans Telefon. Seinem Sohn - sagt er - ginge es gar nicht gut. Jede Nacht weine er, wolle endlich nach Hause, wieder in die Schule gehen, zurück zu seinem Fußballverein.

Heimweh nach Jülich

Jetzt geht den beiden auch noch das Geld aus. Die Preise für Nahrungsmittel seien in Kabul regelrecht explodiert, erzählt er.  Er habe sich Geld von Freunden aus Deutschland geliehen, aber die müssten ihre Rechnungen ja auch bezahlen können. Seine Enttäuschung über die Bundesrepublik sei groß. "Wir haben immer wieder unsere Pässe abfotografiert und an alle möglichen Email-Adressen ans Auswärtige Amt geschickt. Aber außer einer Standard-Email hat uns niemand geantwortet." Auch ihn quält das Heimweh nach Jülich. Was er am meisten vermisse, fragen wir ihn. "Die Freiheit", antwortet er. Und sein Kind wieder in Sicherheit zu wissen.

Stand: 13.10.2021, 12:33

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