Jüdische Gemeinden: In Deutschland zu Hause?

Zwei Jungen mit Kippa in der Talmud Tora Schule in Hamburg

Jüdische Gemeinden: In Deutschland zu Hause?

Von Moritz Börner

  • Zentralrat der Juden lädt in Berlin zum Gemeindetag
  • Die meisten Gemeindemitglieder in Düsseldorf stammen aus Osteuropa
  • Großer Zusammenhalt unter den Gemeindemitgliedern
  • Antisemitismus bleibt ein Problem

In Berlin beginnt am Donnerstag (19.12.2019) der jüdische Gemeindetag unter dem Motto "In Deutschland zu Hause". Fühlen sich Juden in Deutschland "zu Hause"? Ein Besuch bei der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf.

Die Stimmung ist festlich, Schüler singen hebräische Kinderlieder und tanzen in bunten Kostümen auf der Bühne, das Publikum klatscht begeistert. Die jüdische Grundschule in Düsseldorf feiert Chanukka, das jüdische Lichterfest.

80 Prozent der Gemeindemitglieder stammen aus der ehemaligen Sowjetunion

Die jüdische Grundschule ist genauso wie das jüdische Gymnasium, die Kita oder das Altenheim ein wichtiger Bezugspunkt für die 7000 Mitglieder der Gemeinde. 80 Prozent von ihnen stammen aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion, etwa aus Russland, oder der Ukraine. Sie sind seit Mitte der neunziger Jahren eingewandert.

Dementsprechend wichtig ist die jüdische Gemeinde für ihre Mitglieder. "Die Gemeinde war die Institution, die uns hier aufgenommen hat und auch von Anfang an unterstützt hat", sagt Olga Rosow. Sie arbeitet in der Sozialabteilung. Tatsächlich kennen die Mitglieder sich wie eine große Familie. Nach der Aufführung der Grundschüler gibt es Berliner mit Puderzucker, die Eltern unterhalten sich, auf deutsch, hebräisch oder russisch.

Deutschland als Zuhause? Ja, aber...

Innerhalb der Gemeinde lebt man ganz bewusst jüdische Kultur, außerhalb der Gemeinde ist das schon schwieriger, findet Benjamin Kochan. Er ist Anfang 30 und einer der Rabbiner und fühlt sich in Deutschland durchaus zu Hause. Aber es gibt auch Dinge, die ihm fehlen. In der Öffentlichkeit Kippa zu tragen, das kann er sich nicht vorstellen. "Das stört die Menschen! Vor dem Zweiten Weltkrieg hätte sich darüber keiner gewundert, aber heute ist es etwas seltenes, und das tut weh!"

Antisemitismus bleibt ein Thema

Das Thema Antisemitismus ist allgegenwärtig. Eine Schule ohne Sicherheitsdienst beispielsweise ist undenkbar und das nicht erst seit dem Attentat von Halle. Die Gemeindemitglieder sorgen sich deswegen. "Wenn Antisemitismus zunehmen sollte, was machen wir dann? Es gibt ja historische Erfahrungen. Diejenigen, die sich hier zu Hause gefühlt haben und bis zum bitteren Ende hier geblieben sind, leben nicht mehr", sagt Olga Rosow.

Berührungsängste

Gemeindemitglied Alex Bondarenko lebt seit Mitte der Neunziger in Deutschland. Der 31- jährige hat seinen jüdischen Glauben erst hier entdeckt, Deutschland ist sein zu Hause, sagt er. Trotzdem merkt er, dass es Berührungsängste gibt, die auch eine Ursache für Antisemitismus sind. Darum fordert er von der Politik mehr Projekte, bei denen die Menschen verschiedener Religionen zusammen kommen. "Das man die Menschen noch mehr als bisher zusammen bringt, das ist wichtig."

Stand: 19.12.2019, 06:30