Interview mit dem Zoodirektor: Das Trauma bewältigen

Wolfgang Dreßen, Zoodirektor

Interview mit dem Zoodirektor: Das Trauma bewältigen

  • Interview mit Krefelds Zoodirektor Wolfgang Dreßen
  • "Mitarbeiter ohne Möglichkeit, sich von den Tieren zu verabschieden"
  • "Rauchmeldeanlagen hätten nichts genutzt"

WDR: Sie haben gerade mit Ihren Mitarbeitern und mit den trauernden Besuchern vor Ihrem Zoo gesprochen. Wie geht es Ihnen?

Wolfgang Dreßen: Ich habe draußen ungefähr 100 Leute vor dem Zoo stehen, die eine Trauerwacht abhalten. Das berührt einen schon sehr. Mir und unseren Mitarbeitern geht es natürlich sehr schlecht, das ist ein traumatisches Erlebnis. Da sind vielfältige Beziehungen zwischen den Tieren und den Mitarbeitern, die über Jahre bestanden, einfach weggewischt worden. Und es bestand keinerlei Möglichkeit, sich von den Tieren verabschieden zu können.  

WDR: Wie alt war das älteste Tier, das gestorben ist?

Gorilla Kidogo im Gorilla-Gehege im Zoo Krefeld

Silberrücken Massa im Gorillagarten

Dreßen: Das ist unser Massa gewesen, der Gorillamann. Er war 48 Jahre alt. Im Alter von vier bis fünf Jahren kam er in den Krefelder Zoo und hat 40 Jahre hier gelebt. Er war vielfacher Vater. Seine Gene sind in Europa überall vertreten. Massa war eine große Persönlichkeit hier für alle im Krefelder Zoo, für die Mitarbeiter natürlich besonders.

WDR: Unter den toten Affen sind auch Affen, deren Art bedroht ist. Was bedeutet das für die Zuchtprogramme? 

Dreßen: Das Zuchtprogramm hat einen derben Rückschlag erhalten. Da gibt es Tiergruppen, von denen es noch 50 gibt oder Tiergruppen, von denen es in Zoos in Europa noch 200 oder 300 gibt.

Die Menschenaffen werden allesamt in Zuchtprogrammen geführt, weil sie im Freiland hoch bedroht sind. Wenn dann eine Gruppe wie die der Orang-Utans wegbricht - eine fünfköpfige Gruppe mit zwei erwachsenen Weibchen, einem Männchen und zwei Jungtieren - ist das natürlich ein herber Rückschlag.

Brand im Krefelder Zoo

WDR 5 01.01.2020 03:33 Min. Verfügbar bis 01.01.2021 WDR 5

WDR: Wie schwierig ist für einen Zoo, an Menschenaffen zu kommen?

Dreßen: Alle Zoos, die eine bestimmte Tierart halten, müssen sich einem Zuchtprogramm anschließen. Das bedeutet, dass die Tiere, die wir halten, gar nicht uns gehören, sondern dem Zuchtprogramm. Wenn wir ein Tier abgeben, können wir prinzipiell auch ein neues Tier aus dem Programm erhalten. Das ist aber leichter gesagt. Das muss koordiniert werden von denen, die das Programm managen.

WDR: Warum hätten Feuermelder und Notfallklappen den Tieren nicht das Leben gerettet?

Dreßen: Das Tropenhaus hat eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit mit einer hohen Staubbelastung. Insofern funktionieren Rauchmeldeanlagen nur eingeschränkt. Die Feuerwehren raten davon ab.

Das Haus war von 1975, es war also 45 Jahre alt. Damals gab es gar keine Brandmeldeanlagen und die sind auch bis heute nicht vorgeschrieben.

Und selbst wenn die Feuerwehr wegen einer Rauchmeldung zehn Minuten eher gekommen wäre, hätte das auch nicht viel genutzt, weil der Brand enorm schnell fortgeschritten ist und möglicherweise auf dem Dach entstanden ist.

WDR: Werden Sie ein neues Affenhaus bauen?

Dreßen: Erstmal müssen wir hier ganz andere Arbeit leisten, um mit dieser Katastrophe fertig zu werden. Wir haben jetzt tagtäglich diese grausame Ruine vor Augen. Das ist für viele Mitarbeiter ein Trauma, das müssen wir erstmal bewältigen. Im nächsten Schritt können wir dann vorsichtig an eine Neuplanung denken.

Das Interview führte Oliver Scheel.

Am Donnerstagmorgen (02.01.2020) gegen 7.20 Uhr wird Zoodirektor Wolfgang Dreßen auf WDR2 über die aktuelle Situation im Krefelder Zoo berichten.

Wer dem Krefelder Zoo mit einer Spende beim Wiederaufbau helfen möchte, kann sich an den Förderverein "Zoofreunde Krefeld e.V." wenden.

Bilder vom Brand im Krefelder Affenhaus

Im Krefelder Zoo ist in der Nacht zu Neujahr das Affenhaus in Flammen aufgegangen. Mindestens 30 Tiere starben.

Ein Schild mit der Aufschrift "Kein Eingang" steht vor dem abgebrannten Affenhaus im Krefelder Zoo

Am Morgen danach: Vom Affenhaus im Krefelder Zoo ist nur noch eine Ruine übrig.

Am Morgen danach: Vom Affenhaus im Krefelder Zoo ist nur noch eine Ruine übrig.

Holz ist verkohlt, Glasscheiben sind zerborsten.

Als die Feuerwehr in der Nacht eintraf, stand das Affenhaus schon komplett in Flammen.

Das abgebrannte Affenhaus von oben.

Die Polizei geht davon aus, dass eine sogenannte Himmelslaterne den Brand verursacht hat.

Mögliche Verursacher haben sich am Mittwochnachmittag (01.01.2019) bei der Polizei gemeldet. Ihre Angaben werden jetzt überprüft.

Viele Menschen haben ihre Trauer mit Kerzen, Blumen und Botschaften vor dem Zoo zum Ausdruck gebracht.

Der Krefelder Zoodirektor Wolfgang Dreßen war tief betroffen und sprach am Mittwochnachmittag mit seinen Mitarbeitern und den trauernden Besuchern.

Auch am Donnerstag (02.01.2019) bleibt der Krefelder Zoo noch geschlossen.

Der Deutsche Tierschutzbund forderte Konsequenzen. Er schlug vor, Sicherheitszonen zu schaffen, in denen Tiere in Zoos, Tierheimen oder auf Bauernhöfen vor Silvesterfeuerwerk geschützt würden.

Stand: 01.01.2020, 19:50