Getötetes Kita-Kind in Viersen: Wie kann so etwas passieren?

Getötetes Kita-Kind in Viersen: Wie kann so etwas passieren?

  • Erzieherin soll Kind in Viersener Kita getötet haben
  • Interview mit der Vorsitzenden des Deutschen Kita-Verbands
  • Arbeitsrecht und Datenschutz oft auf Kosten der Kinder

WDR: Tauschen sich Kitas untereinander nicht aus, wenn eine Erzieherin beim vorherigen Arbeitgeber auffällt zum Beispiel wegen mangelnder Empathie wie im Fall Viersen?

Waltraud Weegmann, Vorsitzende des Deutschen Kita-Verbandes und Geschäftsführerin des "Konzept-e"-Netzwerks

Kita-Verbands-Vorsitzende Waltraud Weegmann

Waltraud Weegmann: Nein, das dürfen die aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht. Sie dürfen nicht einmal im Zeugnis etwas erwähnen, das auch nur ansatzweise in diese Richtung geht. Deshalb sind letztendlich alle Zeugnisse Makulatur.

WDR: Aber körperliche Übergriffe müssen doch den Behörden gemeldet werden?

Weegmann: Es besteht eine Meldepflicht der Kitas gegenüber den Jugendämtern, wenn die Einrichtungen konkrete Verdachtsmomente haben. Die gibt es aber oft nicht.

WDR: Wie können sich Kitas vor potenziell gefährlichen Mitarbeitern schützen?

Weegmann: Der Träger muss sich grundsätzlich ein erweitertes Führungszeugnis von Bewerbern vorlegen lassen. Allerdings dauert es eine Weile, bis Vorfälle aktenkundig sind. Ein erweitertes Führungszeugnis hat immer einen zeitlichen Verzug.

Totes Kind in Viersener Kita - Ermittler prüfen weitere Fälle

Totes Kind in Viersener Kita

00:43 Min. Verfügbar bis 28.05.2021

WDR: Tauschen Kitas denn nicht zumindest unter der Hand Informationen aus?

Weegmann: Ja, das gibt es schon mal, aber das dürfen die aus rechtlichen Gründen eigentlich nicht.

WDR: Passiert es häufiger, dass Erzieherinnen nicht die besten Voraussetzungen für ihren Beruf mitbringen?

Weegmann: Das gibt es immer wieder mal. Der Kita-Träger, für den ich arbeite, entlässt solche Erzieherinnen grundsätzlich. Aber wir müssen dann oft Entschädigungen zahlen. Insgesamt wird man diese Mitarbeiter überhaupt nur relativ schwer los.

WDR: Gehen Arbeitsrecht und Datenschutz auf Kosten der Kinder?

Weegmann: Ja, leider häufig. Sie müssen immer das Kindeswohl abwägen gegenüber den Rechten der Mitarbeiter.

WDR: Wird der Umgang von Erzieherinnen mit Kindern bei der täglichen Arbeit überprüft?

Weegmann: Ein Träger, der sich verantwortlich fühlt und seine Kitas gut steuert, macht so etwas. Dazu gehört auch eine Kita-Leitung, die nicht die Freundin des Teams ist, sondern die der Kinder. Es ist ein Spannungsfeld zwischen Kollegialität und Kinderfürsorge.

WDR: Welche Rolle spielt der Fachkräftemangel?

Weegmann: Alle Einrichtungen leiden darunter. Deshalb werden manchmal Menschen eingestellt, die man vielleicht vor zehn Jahren nicht eingestellt hätte.

WDR: Mit welchen Maßnahmen kann man Vorfällen wie in Viersen vorbeugen?

Weegmann: Wichtig ist im Tagesablauf einer Kita, dass möglichst selten einzelne Erzieher unbeobachtet mit einem einzelnen Kind alleine sind. In solchen Situationen liegen die Risiken. Es sollten immer mindestens zwei Erzieher zusammenarbeiten. Wichtig ist auch, einzelne Kita-Bereiche einsehbar zu gestalten. Je transparenter in einer Kita gearbeitet wird, umso geringer ist das Risiko, dass etwas passiert.

Das Interview führte Frank Menke.

Stand: 28.05.2020, 19:36