Pfarrer aus Grevenbroich kritisiert strukturelles Machtproblem in der katholischen Kirche

Ein Kruzifix auf dem Altar im Kölner Dom.

Pfarrer aus Grevenbroich kritisiert strukturelles Machtproblem in der katholischen Kirche

Meik Schirpenbach, Pfarrer in Grevenbroich, kritisiert das Vorgehen des Erzbistums Köln bei den Missbrauchsvorwürfen - und bekommt riesige positive Resonanz. Im WDR-Interview erzählt er, was für ihn die zentralen Probleme der Kirche sind.

Der leitende Pfarrer für Grevenbroich und Rommerskirchen macht sich Sorgen um seine katholische Kirche. Die Resonanz auf einen Brief, den er bereits vergangenen November geschrieben hat, ist immer noch riesig. Dort kritisiert er scharf, wie die katholische Kirche mit der Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe umgeht. Schirpenbach versteht nicht, warum das Gutachten zu diesem Thema, das 2018 beauftragt wurde, vom Erzbistum Köln nicht veröffentlicht wird. Für seine deutlichen Worte, die sich auch indirekt an den Kölner Erzbischof Woelki richten, bekommt er von vielen Seiten Lob.

WDR: Fangen wir vorne an. Wie kamen Sie überhaupt dazu, einen solchen Brief zu schreiben?

Pfarrer Meik Schirpenbach im Interview über seine Kritik an der katholischen Kirche.

Pfarrer Meik Schirpenbach aus Grevenbroich sorgt sich um die katholische Kirche.

Meik Schirpenbach: Das eine war, dass ich tatsächlich ein Gespräch mit einem Missbrauchsopfer hatte. Derjenige fühlte sich durch die Vorgehensweise in Köln, dass man das Gutachten zurückhielt, völlig übergangen. Da habe ich mich gefragt, ob denn keiner wahrnimmt, wie wir mit den Opfern umgehen und wie die sich in der Situation fühlen. Das sollte nämlich eigentlich absolute Priorität haben. Hinzu kam, dass viele Menschen in den Gemeinden hier ihr Unverständnis mir gegenüber geäußert haben. Ich habe ich mir gedacht, dass ich aufzeigen muss, wie groß die Gräben zwischen den Menschen und der Leitung sind.

WDR: Haben Sie damit gerechnet, dass Ihr Brief eine so große Öffentlichkeit bekommt?

Schirpenbach: Ich hatte gehofft, dass ihn möglichst viele bei uns in den Gemeinden lesen. Die Reaktion der Menschen war, dass viele gesagt haben, sie machen beispielsweise bei Wahlen zu Kirchenvorständen wieder mit. Das war meine grundsätzliche Angst, dass dabei keiner mehr mitmachen möchte. Dass darüber hinaus dann bundesweit beinahe ausschließlich nur positive Rückmeldungen kamen - damit habe ich nicht gerechnet. Die Reaktion der Leute war: "Endlich spricht es mal jemand an, der auch hauptamtlich Pfarrer ist und auf diese Zustände hinweist."

WDR: Was kann getan werden, um diesen Graben kleiner zu machen oder sogar zu überwinden?

Schirpenbach: Alles in allem mehr Kommunikation. Das ist das allerwichtigste. Das hat auch grundsätzlich mit der Kommunikationskultur in der Kirche zu tun. Die Dinge müssen angesprochen und diskutiert werden. Man muss auch aushalten können, dass es innerhalb der Kirche verschiedene Ansichten gibt. Es muss einfach zwischen den oberen Positionen und den tieferen einfach zum Dialog kommen - und zwar zu einem ernst gemeinten. Ansonsten fühlen sich die Menschen nicht ernst genommen.

WDR: Haben Sie von kirchlicher Seite eine Antwort bekommen?

Schirpenbach: Ich habe von vielen Mitarbeitern aus der Bistumsleitung sehr positive Resonanz bekommen. Ansonsten gab es noch von der Bistumsleitung selber eine Antwort, in der man mir das Gespräch anbot. Allerdings geht es ja nicht nur um mich, sondern darum, dass die Leitung so weit von den Menschen weg ist. Was ich denke, das weiß die Bistumsleitung. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich durch den Brief schlagartig etwas ändert, sondern wollte Menschen zusammenbringen.

WDR: Zurück zu dem Missbrauchsgutachten. Wie kann eine Aufarbeitung Ihrer Meinung nach denn aussehen?

Schirpenbach: Eine Aufarbeitung kann nur funktionieren, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen und dann Leute hingehen, die Verantwortung hatten und jetzt Verantwortung übernehmen. Wie das aussieht, ob das jetzt Rücktritt heißt, das möchte ich gar nicht sagen. Sondern dass die Verantwortlichen lernen, dass wir ein strukturelles Machtproblem in der Kirche haben - und das haben wir wirklich. Das ist nicht mal böse gemeint, aber das Problem ist da und deshalb muss man es angehen - zum Beispiel durch mehr Mitbestimmung der Gemeinden.

WDR: Ist es nicht ungewöhnlich, dass es für die Kirche Kritik aus den eigenen Reihen gibt?

Schirpenbach: Auf jeden Fall. Das wurde mir immer wieder gespiegelt. Viele denken so wie ich, aber kaum einer sagt es. Viele Mitarbeiter haben Angst, ihre Meinung zu sagen, weil sie personelle Konsequenzen fürchten. Es ist einfach ein Faktum, dass die Menschen sich fürchten, ihren Job zu verlieren.

WDR: Zum Abschluss - was kann die Kirche aus dieser Zeit mitnehmen?

Schirpenbach: So eine Krise ist auch eine Chance. Es ist das Schönste für mich, wie ich es jetzt erlebe, dass der Glauben den Menschen nicht egal ist. Die möchten nicht einfach austreten, sondern ernst genommen werden. Die Kirche darf nicht gelähmt sein mit Problemen, die sie selber macht. Es gibt brennende Fragen wie den Klimawandel oder Corona, die einfach eine christliche Perspektive brauchen.

Das Interview führte Noah Matzat.

Hinweis der Redaktion: Das Interview wurde geführt, kurz bevor bekannt wurde, dass das Bistum Köln Journalisten Einblick in das Gutachten gewähren wollte - allerdings nach der Unterzeichnung einer Verschwiegenheitspflicht. Sie sollten sich rechtlich verpflichten, weder in dem Gutachten genannte Tathergänge noch Verantwortungsträger zu veröffentlichen. Weil die Journalisten sich weigerten das zu tun, wurde der Einblick doch nicht gewährt.

Stand: 05.01.2021, 18:03