Aachener Kinder- und Jugendpsychologin: Corona-Pandemie verschärft soziale Schere

Kind hält sich eine OP-Maske vor das Gesicht.

Aachener Kinder- und Jugendpsychologin: Corona-Pandemie verschärft soziale Schere

Von Bettina Staubitz

Kinder, die durch die Pandemie sehr stark belastet sind, brauchen langfristig Hilfe. Das fordert die Kinder- und Jugendpsychologin Kerstin Konrad von der Uniklinik Aachen.

Keine Schule, kein Sport, keine Treffen mit Freunden - so sah der Alltag von Kindern und Jugendlichen monatelang aus. Kerstin Konrad ist Leiterin des Lehr- und Forschungsgebiets "Klinische Neuropsychologie des Kindes- und Jugendalters" an der Uniklinik in Aachen. Mit ihr haben wir uns darüber unterhalten, was die Pandemie mit Kindern und Jugendlichen macht.

Welche Auswirkungen hat die Corona Pandemie auf Kinder und Jugendliche?

"Es gibt die gesamte Bandbreite: Im Mittelwert sind die Jugendlichen belastet von der Situation, gerade als die Schulen geschlossen waren, als sie kaum Möglichkeiten hatten, soziale Kontakte zu leben. Das ist gerade für ältere Kinder und Jugendliche sehr belastend, weil es ja nicht dem entspricht, was sie in der Altersspanne normalerweise tun.

Kerstin Konrad

Kerstin Konrad, Kinder- und Jugendpsychologin an der Uniklinik Aachen

Wir sehen in der Klinik sehr kranke Patienten, die sehr belastet sind. Das sind häufig Patienten, die schon vorher bestimmte psychische Symptome gehabt haben, die sich jetzt während der Pandemie verschlechtert haben. Und wir sehen eine kleine Gruppe von Patienten, die eher entlastet ist. Das sind vor allem die Kinder, die zum Beispiel Probleme hatten, mit anderen in sozialen Kontakt zu treten oder in der Schule sehr unglücklich waren, viele Mobbing- Erfahrungen gemacht haben. Diese Gruppe ist zurzeit sogar ein bisschen entlastet. Also es ist die gesamte Bandbreite, würde ich sagen.

Was glauben Sie, hat den Kindern und Jugendlichen am meisten zu schaffen gemacht?

Ich glaube tatsächlich, es ist die totale Veränderung der Alltagsstruktur und der Wegfall von Strukturen. Also, sich selber motivieren zu müssen im Homeschooling, an die Hausaufgaben oder an die Arbeitsblätter zu gehen, die Einschränkung der sozialen Kontakte, dieser Quasi-Wegfall von sportlichen Aktivitäten, von Hobbys. Dieses sehr auf die Familie konzentrierte Leben - gerade in Familien, wo die Situation vielleicht schwieriger ist, wo die Situation angespannt ist, allein erziehende Haushalte, wo Eltern vielleicht auch nicht die ganze Zeit im Home-Office waren, sondern eben weiter arbeiten gehen mussten und die Kinder über viele Stunden am Tag alleine zu Hause waren ohne strukturierte Beschäftigung. Das ist einfach sehr belastend.

Die Kinder und Jugendlichen haben in dieser Zeit viel vor dem Computer oder am Handy gesessen. Welche Auswirkung hat das?

Wir wissen zum Beispiel, dass Übergewicht, das häufig mit Medienkonsum assoziiert wird, scheinbar stark zugenommen hat. Nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen. Also das hat sicherlich Auswirkungen. Wie reversibel die sind, wird sich zeigen, wenn wir wieder normalen Alltag haben, weil Kinder ja auch sehr viel anpassungsfähiger sind als Erwachsene, auch in Krisen. Kinder haben ganz viele Ressourcen, mit so was umzugehen, so dass ich mir vorstellen kann, wenn wieder die Alltagsstrukturen da sind, dass dieser Medienkonsum auch nicht unbedingt langfristige schädigende Effekte haben muss.

Viele Eltern befürchten ja, dass ihre Kinder jetzt abgehängt werden, dass sie die „Corona-Generation“ werden. Wie sehen Sie das?

Das ist so ein düsteres Bild, was da gezeichnet wird. Ich weiß nicht, ob man das so unbedingt sagen kann. Meine Befürchtung ist eher, dass die soziale Schere weiter aufgeht, dass wir Kinder sehen, die das gut verkraften werden und nach einer Zeit wieder eine gute Anpassung zeigen und keine negativen Langzeitfolgen davontragen, aber dass es eben auch eine kleine Gruppe von sehr belasteten Kindern gibt, denen wir langfristig viel länger mehr Unterstützung und Hilfe anbieten müssen, um das wieder aufzuholen.

Was würden Sie Eltern im Moment raten, wie können Sie ihren Kindern helfen?

Das ist gar nicht so leicht. Es gibt natürlich in den letzten Monaten viele neue Online-Angebote, zum Teil auch sehr gute mit Tipps und Tricks für Eltern. Da muss man gucken, was zu einem selber passt, zur eigenen Familiensituation, ob man diese umsetzen kann. Es ist auch wichtig, wenn man sieht, dass das Kind wirklich sehr leidet oder auch die familiäre Situation sehr leidet, dass man sich Hilfsangebote holt. Die Hilfen sind jetzt wieder gut erreichbar - sowohl aufsuchende Hilfen, beratende Hilfen oder psychotherapeutische Hilfen. Das Angebot ist da, und die Versorgung steht.

Glauben Sie, dass die Zukunft der Kinder insgesamt durch Corona Schaden genommen hat?

Im Bildungsbereich muss sicherlich viel aufgeholt werden. Aber auch im sozialen Bereich – genauso wichtig - gibt es das Bedürfnis - auch gerade der Kinder und Jugendlichen - Sachen nachzuholen. Das ist auch wichtig für die „Nachreifung“. Aber ich würde jetzt nicht denken, dass die Gesamtheit der Kindheit und der Kinder dauerhaft belastet ist. Ich sehe eher das Problem der sozialen Ungleichheit, das größer werden wird. Gibt es auch etwas Positives, was die Kinder und Jugendlichen aus der Pandemie mitnehmen können? Es gibt ein Konzept, das nennt sich „posttraumatic growth“. Es ist ein Konzept aus der Belastungsforschung. Das nimmt an, dass es nicht nur Langzeitschädigungen und Störungen gibt nach einer traumatischen Belastung, sondern auch einen besonderen Reifungs- oder Wachstumseffekt. Es lohnt sich, noch mal genauer zu schauen, was die Kinder sehr stark positiv bewerten. Manche geben an, sie finden es sehr positiv, dass sie mehr Zeit mit der Familie gehabt haben. Das können sehr positive Erfahrungen für Kinder gewesen sein.    

Stand: 09.06.2021, 09:34