Kurs-Sprung sprengt Konto: Leverkusenerin im Aktien-Dilemma

Eine junge Frau sitzt in ihrem Wohnzimmer

Kurs-Sprung sprengt Konto: Leverkusenerin im Aktien-Dilemma

Von Anke Bruns

Die Comdirect Bank hat für eine 28-jährige Frau aus Leverkusen Aktien im Wert von 600.000 Euro gekauft, obwohl auf dem Guthaben-Konto der Bankkundin nur 25.000 Euro lagen. 

Vor fünf Monaten ist Jenny Schulz aus Leverkusen in die Aktienwelt eingestiegen. Die kaufmännische Angestellte eröffnete dafür bei der Comdirect Bank ein Konto und ließ in den Vertrag hineinschreiben, dass dieses Konto nicht überzogen werden darf.   

Am 9. Dezember entdeckte Jenny Schulz die Aktie des US-Unternehmens Greenwich Lifesciences. Für fünf US-Dollar das Stück. Das Unternehmen hatte gerade ein wirksames Mittel gegen Brustkrebs präsentiert. Die Mutter von zwei kleinen Kindern war berührt: "Bei mir war im September selbst ein Knoten in der Brust festgestellt worden, der sich zum Glück als harmlos herausgestellt hatte."

Schulz kaufte 5800 Aktien

Sie beschloss, so viele Aktien des US-Konzerns zu kaufen, wie möglich. Auf ihrem Konto lagen 25.000 Euro. Da ihre App keinen Zugriff auf diese Aktie zuließ, beauftragte sie die Comdirect Bank online, 5800 Greenwich-Aktien für sie zu kaufen. Ohne Limit. Ihr Limit habe sie bei dem Guthaben auf ihrem Konto gesehen, sagte sie. Erst viel später habe sie entdeckt, dass der Aktienkurs zum Zeitpunkt ihrer Bestellung explodiert sei: auf 125 US-Dollar das Stück. 

Die Comdirect führte ihren Auftrag trotzdem aus und kaufte 5.800 Aktien für 600.000 Euro. Als sie die Zahl auf ihrem Computer gesehen habe, sei sie fassungslos gewesen: "Ich hab zuerst gedacht, ich hab mich verguckt."

Es wurde nichts geprüft

 Jenny Schulz verkaufte die Aktien sofort wieder, allerdings mit großem Verlust. Denn der Kurs war da bereits wieder abgesackt. Jetzt steht ihr Guthabenkonto mit 360.000 Euro im Minus. "Ich möchte wissen, wie das passieren konnte, dass mir ein Kredit von über 600.000 Euro gewährt wurde, ohne dass mein Gehalt geprüft, mein Wissenstand geprüft, mein Kontostand geprüft wurde", sagt sie.

Zwei Männer auf einer Balustrade in der Deutschen Börse, unter ihnen eine Anzeige mit Aktienkursen; Rechte: dpa" title="Zwei Männer auf einer Balustrade in der Deutschen Börse, unter ihnen eine Anzeige mit Aktienkursen;

Aktienkurse zu verstehen, ist gar nicht so leicht

Die Comdirect teilte ihr mit, sie habe das Sicherungssystem der Bank selbst durch ihr Kaufverhalten umgangen. Jenny Schulz' Rechtsanwalt, Detlef Wagner aus Solingen, sieht dagegen die Bank in der Pflicht, den Schaden auszugleichen. "Wenn eine völlig unerfahrene 28-jährige Verbraucherin das Sicherungssystem einer Bank mit ein, zwei Orderversuchen umgehen kann, dann kann es sich nicht um ein Sicherungssystem handeln", so der Anwalt. Die Bank hätte das Konto gar nicht überziehen dürfen, meint der Bankenexperte. Und erst recht nicht in dieser Höhe. Er vermutet einen technischen Defekt bei der Bank.  

Die Suche nach Lösungen

Die Comdirect Bank teilte dem WDR auf Anfrage mit, sie halte ihre Forderung für berechtigt, sei aber bereit, mit Jenny Schulz und ihrem Anwalt eine Lösung zu erörtern. Die junge Mutter kann und möchte die 360.000 Euro auf keinen Fall zahlen. "Ich finde, dass die Bank erstmal versuchen sollte herauszufinden, wo genau der Fehler passiert ist", sagt sie.

Vom Aktien-Einsteiger zum Profi-Anleger

Economista 06.12.2020 09:31 Min. Verfügbar bis 06.12.2021 WDR Online


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Stand: 06.04.2021, 11:34