War der Tod des Pflegekindes Naelys zu verhindern?

War der Tod des Pflegekindes Naelys zu verhindern?

2017 stirbt ein Pflegekind in der Obhut seiner Pflegemutter. Die heute 52-Jährige gesteht, die 21 Monate alte Naelys getötet zu haben. War dieser Tod zu verhindern?

Im Sommer 2017 stirbt ein Pflegekind in der Obhut ihrer Pflegemutter. Die heute 52-Jährige gesteht, die 21 Monate alte Naelys getötet zu haben. Sie wird zu mehr als sechs Jahren Haft verurteilt. Dem WDR liegen jetzt Fall-Unterlagen vor, die eine wichtige Frage aufwerfen: Hätte eine bessere Kommunikation der beteiligten Jugendämter und Jugendschutz-Institutionen die Tat verhindern können?

Werdegang als Pflegemutter

symbolisches Bild in schwarz-weiß, mit einem Teddy indessen Arm ein Telefon ist.

Die Zeit als Pflegemutter beginnt für die Solingerin 2014. Nach nur kurzer Zeit bekommt sie ein Pflegekind vom Jugendamt Wuppertal wieder abgenommen. Aus den Fall-Unterlagen geht hervor, dass die Erfahrung mit der Frau Horror gewesen sei. Sie sei unberechenbar, so das Amt. Die später mit der Solingerin befassten Jugendämter wissen davon offenbar nichts.

Mehrere Kinder aus mehreren Städten

Im Prozess heißt es über die Zeit nach dem ersten Pflegekind: "Obwohl es Feststellungen gegeben hat, dass die Angeklagte offenbar überfordert war (…) hatte sie auch in der Folgezeit Pflegekinder", sagt Landgerichts-Sprecher Johannes Pinnel. Die Fall-Akten belegen: Die Solingerin bewirbt sich bei mehreren Jugendämtern, bekommt immer wieder Kinder zugewiesen – die jeweils nur kurz bei ihr bleiben. "Alle schwierige Geschichten", so die Angeklagte im Prozess.

Totes Pflegekind und Jugendämter Lokalzeit Bergisches Land 24.02.2021 03:58 Min. Verfügbar bis 25.02.2022 WDR

Trotz allem ein Kleinkind

Mitte Oktober 2016 kommt die 21 Monate alte Naelys aus Leverkusen zu ihrer Solinger Pflegemutter. Beteiligt sind das Jugendamt Leverkusen, der Pflegekind-Vermittler "Intensivpädagogischer Dienst" (IPD) und der Leverkusener Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF). Obwohl der SKF und das Jugendamt Solingen sich einig sind, die Solingerin sei nicht für Kinder unter vier Jahren vorgesehen, bekommt sie das nicht mal zweijährige Mädchen.

Von munter zu lethargisch

Naelys wird anfangs als munter beschrieben. Ein viertel Jahr später macht der IPD einen Hausbesuch in Solingen und erlebt Naelys, laut der Fall-Akten, zurückgezogen, traurig, lethargisch und beobachtet eine Wesensveränderung. Das halte man für sehr gravierend.

Bedenken zurückgewiesen

symbolisches Bild in schwarz-weiß, mit einem Teddy indessen Arm ein Telefon ist.

Die vorliegenden Akten belegen, dass der IPD die Eignung der Pflegemutter zunehmend in Frage stellt. Die beteiligten Institutionen in Leverkusen weisen diese Bedenken zurück. Ein Auszug aus den Unterlagen: "Die Pflegemutter wurde von Seiten des Jugendamtes, sowie vom Vormund darin bestärkt, dass ihr Umgang mit Naelys total richtig sei. (…) Der IPD (…) habe keine rechtliche Handhabung, was Naelys betrifft."

Zwei Kindeswohlgefährdungen

Zwei Monate vor der Tat gibt es zwei Meldungen über Kindeswohlgefährdungen durch die Pflegemutter an Naelys. Empfänger ist das dafür zuständige Jugendamt Solingen. Passanten hatten beobachtet, wie die heute 52-Jährige das Kleinkind bei Einkäufen rüde behandelt hatte.

Kinderschutz vs. Datenschutz?

Alle Beteiligten Institutionen sprechen ab da mehrfach und ausführlich über Naelys und ihre Pflegemutter. Aber: Nicht über die Eignung der Frau. Das Solinger Jugendamt beruft sich in diesem Punkt auf den Datenschutz ihr gegenüber. Trotzdem sieht man auch in Leverkusen noch im Mai keinen Handlungsbedarf, so die Akten.

Ämter-Kritik durch Richter und Verteidiger

Am 12. Juni 2017 ist Naelys tot. Der Verteidiger der Pflegemutter beklagt Informations-Defizite zwischen den beteiligten Jugendschutz-Institutionen. Über seine Mandantin sagt er: "Sie hätte nie ein Pflegekind bekommen dürfen." Die Richter werden in der Urteilsbegründung noch deutlicher: "Sie war zu jeder Zeit ungeeignet ein Kind groß zu ziehen (…) Das konnte nicht gut gehen."

Keine Stellungnahmen

Das Solinger Jugendamt weist auf Nachfrage des WDR darauf hin, dass es nur bei den Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung zuständig gewesen sei. Alle anderen beteiligten Institutionen waren zu keiner Stellungnahme bereit.

Urteil noch nicht rechtskräftig

Das Urteil gegen die Solingerin ist noch nicht rechtskräftig. Ihr Verteidiger ist in Revision gegangen. Jetzt muss sich der Bundesgerichtshof in Karlsruhe mit dem Fall beschäftigen.

Stand: 24.02.2021, 17:43

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