Gedenkgottesdienst für Flutopfer im Aachener Dom

Gedenkgottesdienst für Flutopfer im Aachener Dom

Mit einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Aachener Dom haben die Kirchen und Spitzenpolitiker an die Opfer der Hochwasserkatastrophe Mitte Juli erinnert.

Mit dem Gottesdienst wurde der Todesopfer aus NRW und Rheinland-Pfalz gedacht, die bei der Flutkatastrophe ums Leben kamen. In der 60-minütigen Gedenkfeier erzählten auch Betroffene der Hochwasserkatastrophe ihre persönliche Geschichte.

"Sie sind nicht allein"

„Wir, das ganze Land, stehen an Ihrer Seite. Wir, das ganze Land, trauern heute mit Ihnen.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gedachte in seiner Rede zunächst der Menschen, die bei den Überschwemmungen ums Leben gekommen waren und sprach den Betroffenen in seiner Rede sein tiefstes Beileid aus.

Geistliche beim Gedenkgottesdienst nach der Hochwasserkatastrophe im Aachener Dom

Bedford-Strohm, Georg Bätzing und Radu Constantin Miron

„Wir gedenken hier, im Aachener Dom, im Herzen Europas, auch der Opfer der Flutkatastrophe in unseren Nachbarländern. Ihr Schmerz ist unser Schmerz. Als Europäer trauern wir gemeinsam und stehen zusammen in der Stunde der Not.“

Weiter dankte Steinmeier allen, die Leben gerettet haben sowie den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern und den vielen Freiwilligen sowie den Menschen, "die so großzügig gespendet haben, um die erste Not zu lindern".

In einem Appell wandte sich der Bundespräsident an diejenigen, die jetzt in der Verantwortung stehen, also Bund und Länder, sowie Städte und Kommunen: „Tun Sie alles Menschenmögliche, damit denen schnell geholfen wird, die diese Hilfe jetzt so dringend brauchen!“

Große Anteilnahme von Vertretern aus Politik und Kirche

Angela Merkel und andere Teilnehmer des Gedenkgottesdiensts nach der Hochwasserkatastrophe im Aachener Dom

Neben Betroffenen waren auch viele Spitzenpolitiker im Dom

An dem Gottesdienst nahmen neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Präsidenten von Bundestag, Bundesrat und Bundesverfassungsgericht sowie die Ministerpräsidenten der betroffenen Bundesländer, Nordrhein-Westfalens Regierungschef Armin Laschet und seine rheinland-pfälzische Kollegin Malu Dreyer teil.

Zudem waren auch Bischöfe aus Belgien,  Luxemburg und den Niederlanden anwesend. Auch Vertreterinnen und Vertreter der jüdischen und muslimischen Religionsgemeinschaften wandten sich zum Teil mit rezitativen Gesängen an die Betroffenen der Flutkatastrophe.

Trost von Bischof Bätzing und Landesbischof Bedford-Strohm

Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, erinnerte in seiner Predigt angesichts der Sprachlosigkeit über Tod und Zerstörung an die Kraft des Gebets und der Psalmen: „Wenn es mir die Sprache verschlägt, dann vertraue ich mich ganz intuitiv bekannten Worten und Gebeten an. Mit den Psalmen beten heißt, Klartext reden, nichts beschönigen und dennoch hoffen“, so Bischof Bätzing.

Trauernde beim Gedenkgottesdienst nach der Hochwasserkatastrophe im Aachener Dom

Betroffenen spendeten sich Trost

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm betonte in seiner Predigt, dass Gott auch mitten in den Fluten erfahrbar gewesen sei: „Aber nicht als der, der auf den Flutknopf gedrückt hat, sondern als der, der mit den Opfern geschrien hat, der mit ihnen gelitten hat, der sie getragen hat in den Abgründen, die sich aufgetan haben.“

Gleichzeitig richtete er den Blick nach vorne: „Wir bringen an diesem Tag auch eine Hoffnung zum Ausdruck. Die Hoffnung, dass Gott Heilung schenken möge, dass Gott Neuanfang schenken möge. Für jeden Einzelnen. Und für unser ganzes Land. Für Europa.“

Wir haben geschwiegen, wo das Leid uns überwältigt hat

Von den 180 Anwesenden waren 95 keine Vertreter des Staates oder der Kirchen, sondern Betroffene. Menschen, die Familienmitglieder verloren haben, deren Häuser nicht mehr stehen, deren Existenz vernichtet wurde.

Teilnehmer des Gedenkgottesdienstes nach der Hochwasserkatastrophe im Aachener Dom

Der evangelische Pfarrer Hans-Peter Bruckhoff aus Schleiden-Gemünd hielt eine Kerze in der Hand – die einzige Lichtquelle, die leuchtete, als seine Frau im Pfarrhaus in der Flutnacht bis zu den Knien im Wasser stand.

Notfallseelsorgerin Rita Nagel erzählte von ihren Erfahrungen mit den Menschen: „Wir haben gesprochen, wo Menschen Worte gesucht haben. Wir haben geschwiegen, wo das Leid uns überwältigt hat und das Leben, das mit den Müllbergen weggeworfen wurde, wieder neu gefunden werden will“.

Weggespült das, was ich mein Leben nannte

In einem gemeinsamen Gebet baten Notfallseelsorger und Betroffene um Kraft, „mit den Eindrücken und Verlusten klarzukommen, mit der Wucht und der Zerstörung, mit der Angst und der Hilflosigkeit.“

In einer sehr ergreifenden Darstellung hat die Schauspielerin Annette Schmidt den Ahr-Psalm vorgetragen, einen Klage-Psalm, der den Verstorbenen der Lebenshilfe in Sinzig gewidmet war, untermalt mit teils dramatischer Musik sowie Bildern der Flutkatastrophe. Der Psalm beschreibt die Nacht zum 15. Juli, als die Flut hereinbrach: „Alles wurde mir genommen. Alles! Weggespült das, was ich mein Leben nannte.“

Zum Gottesdienst eingeladen hatten die katholische Deutsche Bischofskonferenz, die Evangelische Kirche in Deutschland sowie die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen.

Stand: 28.08.2021, 12:20