Nach der Flut: Hoffnung auf Neuanfang im Geisterdorf

Sechs Monate nach der Flut Aktuelle Stunde 13.01.2022 09:55 Min. Verfügbar bis 20.01.2022 WDR Von Birgit Virnich

Nach der Flut: Hoffnung auf Neuanfang im Geisterdorf

Von Birgit Virnich

Als die Flut kam, verschwand der Pferdehof der Familie Spoo in einem gewaltigen Krater. Ein halbes Jahr ist das nun her. Jetzt konnte die Familie neu anfangen.

Lange kann Martin Spoo den Anblick seiner zerstörten Reiterhalle direkt an der Abbruchkante nicht ertragen. Und doch zieht es ihn immer wieder hin. Vor einem halben Jahr riss die Flut in Erfstadt-Blessem einen gewaltigen Krater auf. Mehrere Häuser wurden zerstört, auch der Hof von Martin Spoo.

Die Reithalle in Blessem wurde durch die Flut zerstört.

Die zerstörte Reithalle in Erftstadt-Blessem

"Das war mein Lebenswerk. Mehr als nur Steine." Fast jeden Tag fährt Spoo zum alten Hof. "Zwischendurch habe ich nur geheult," erzählt er. Alles, was er und seine Familie über Generationen aufgebaut hatten, war weggespült worden. "Wir waren nicht am Krater, wir waren der Krater," erinnert sich der 65-Jährige. "Es war wie im Krieg, alles chaotisch."

Die Erinnerungen an diese Nacht sind schmerzlich. Lange sieht der erfolgreiche Pferdezüchter keine Perspektive mehr. Nur durch den Rückhalt in der Familie und die überwältigende Hilfe von Nachbarn und Helfer, die aus ganz Deutschland anreisten, findet er die Kraft, sich wieder aufzurappeln. Inmitten all der Zerstörung hat ihn die Hilfsbereitschaft der Menschen überwältigt.

"Zwischendurch habe ich nur geheult." Martin Spoo, Pferdezüchter
Martin Spoo im Porträt

Martin Spoo

Noch in der Nacht reisen aus der Umgebung und ganz Deutschland Freunde und Pferdeliebhaber mit ihren Hängern an. Wie durch ein Wunder gelingt es ihnen, alle 60 Pferde aus den Fluten zu retten und auf Pferdehöfe im Umland zu verteilen.

Fremde helfen wochenlang mit

Um Schlamm und Schutt zu entfernen, kommen Bekannte und auch wildfremde Menschen mit Eimern und Schubkarren, helfen wochenlang bei den Aufräumarbeiten. "Ganz so schlecht, wie man vielleicht meint, ist es um unsere Gesellschaft ja doch nicht bestellt," meint Spoo. "Unfassbar, wie strukturiert die Leute vorgingen und alles ohne Gegenleistung. Die haben nicht gefragt, wieviel Geld hat der. Der könnte das auch alles bezahlen."

Michael Symalla beruhigt eines seiner Pferde.

Michael Symalla beruhigt eines seiner Pferde

Für die Familie eine neue Erfahrung. Spoos Schwiegersohn Michael Symalla, der die Geschäfte übernommen hat, ist überzeugt, dass er einen klareren Blick fürs Wesentliche bekommen hat. "Man weiß, auf welche Leute man sich wirklich verlassen kann."

Verlassener Hof wird neue Heimat

Trotz des großen Verlusts will die Familie etwas aus der Situation machen. Mittlerweile haben sie in Alt-Morschenich, einem ehemaligen Bergbaudorf am Hambacher Forst, einen neuen Hof gefunden.

Eigentlich sollte das Dorf dem Braunkohlebergbau weichen. Nach dem nun beschlossenen Aus für die Braunkohle wird es aber nicht abgerissen. So konnten die Pferdezüchter aus Erftstadt mit ihren Tieren in einem verlassenen Reiterhof am Rande des Geisterdorfs unterkommen.

Neues Leben im Braunkohle-Dorf

Der Neuanfang in einem dem Tode geweihten Dorf ist etwas Besonderes. "Es ist, als hole man ein Dorf nach einem Herzstillstand wieder ins Leben zurück," sagt die neue Hausherrin Anne Symalla-Spoo.

Andreas Büttgen von der Bürgerinitiative "Buirer für Buir" freut sich, dass mit dem Pferdehof neues Leben nach Alt-Morschenich zurückkehrt. Er sieht das als positives Signal für die Region. "Hier ist Kohle abgebaut worden, die dafür verantwortlich ist, dass Menschen in der Katastrophe Hab und Gut verloren haben. Und jetzt können diese Leute hier neu anfangen."

Die Pferde haben sich verändert

Michael Symalla würde gerne bleiben. So langsam kehrt auf dem Hof Normalität ein. Einige Pferde haben sich durch die Flut verändert. Aus einer Stute, die vorher eine absolute Einzelgängerin war, ist ein Herdentier geworden. Sie kann nicht allein sein. Und genau so hat auch die Katastrophe die Familie mit ihren vielen Helfern zusammengeschweißt.

Zurück ins Leben? Ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe Doku & Reportage 13.01.2022 32:34 Min. UT Verfügbar bis 13.01.2023 WDR Von Jan Koch, Sarah Schmidt, Birgit Virnich

Stand: 13.01.2022, 10:36