Karlspreis für Freiheit und Demokratie

Stand: 26.05.2022, 13:35 Uhr

Die Verleihung des Internationalen Karlspreises an drei belarussische Frauen stand am Donnerstag ganz im Zeichen emotionaler Apelle für Demokratie und Freiheit.

Auch gab es das Versprechen, dass die freien Länder Europas die von einem brutalen belarussischen Regime unterdrückten Menschen nicht im Stich lassen.

Außenministerin Annalena Baerbock bescheinigte den drei Preisträgerinnen Swetlana Tichanowskaja, Veronica Tsepkalo und Maria Kalesnikava unglaublichen Mut in ihrem Kampf gegen die furchtbare Diktatur in Belarus. Sie hätten sich diesen Kampf nicht ausgesucht, eine IT-Managerin, eine Musikerin und eine Hausfrau. Aber sie hätten Verantwortung übernommen, als ihnen keine andere Wahl blieb.

Mut lässt sich nicht wegsperren

Baerbock traf alle drei Frauen persönlich und lernte sie als ganz normale Bürgerinnen kennen, die sich zufällig begegneten und dann gemeinsam den politischen Kampf gegen das Regime angenommen hätten. Maria Kalesnikava kostete dieser Kampf ihre Freiheit – sie wurde zu elf Jahren Arbeitslager verurteilt und ist in ihrer Heimat inzwischen auf eine Terroristenliste gesetzt worden. Swetlana Tichanowskaja und Veronica Tsepkalo gingen ins Exil und verloren dadurch ihren Job und ihr Land, so Baerbock. "Aber euer Mut lässt sich nicht wegsperren, und die Idee der Freiheit kann man nicht ins Exil vertreiben."

Annalena Baerbock bei der Karlspreisverleihung | Bildquelle: WDR

Entschiedener handeln

Die drei Preisträgerinnen hätten sich entschlossen, nicht für ihre Einzelinteressen zu kämpfen, sondern um das gemeinsame, große Ziel: die Freiheit aller Belarussen. "Ihr zeigt, was Empowerment, Enthusiasmus und Empathie bedeuten, welche Kraft das entfalten kann", sagte die Außenministerin. Die Botschaft des heutigen Tages sei, genauer hinzuschauen, entschiedener zu handeln. Und nicht erst dann, wenn es Krieg gebe, wenn sich Unrecht breit mache.

Sicherheit nicht mit, sondern vor Russland

Auch bedeute die Abwesenheit von Krieg nicht automatisch Frieden und Freiheit, mahnte Annalena Baerbock. Es gelte nun, die Sicherheitsarchitektur Europas neu zu gestalten. Das Wie sei dabei die entscheidende Frage. "Im Verhältnis zu Putins Russland geht es nicht um eine Sicherheit mit Russland, sondern vor Russland", stellte Baerbock fest. Und sie versicherte, dass die Menschen in Belarus und der Ukraine zwar noch nicht Teil der EU seien, aber doch Teil der europäischen Familie. Deshalb sollten sie EU-Mitglied werden, wenn sie die Voraussetzungen dafür erfüllen. "Wir stehen an eurer Seite", sagte Baerbock abschließend.

"Die Freiheit ist es wert, um sie zu kämpfen. Gemeinsam für Belarus und die europäische Friedensordnung." Annalena Baerbock, deutsche Außenministerin
Karlspreisverleihung 2022 im Aachener Rathaus | Bildquelle: WDR

Terror gegen das eigene Volk

Nach der feierlichen Verleihung der Urkunden und der Karlsmedaillen mit dem Aachener Stadtsiegel aus dem 12. Jahrhundert waren die drei Preisträgerinnen an der Reihe. Swetlana Tichanowskaja zeichnete in ihrer Rede das aktuelle Bild ihres Heimatlandes, in dem Menschen systematisch verfolgt, verhaftet, gefoltert und unterdrückt werden.

Das Lukaschenko-Regime terrorisiere aber nicht nur das eigene Volk, sondern versuche auch gemeinsam mit Russland, Europa zu spalten. Doch die Einheit der EU sei wichtig für die Ukraine und für die Demokratiebewegung in Belarus. "Geschichte und Zukunft sollten uns gehören, den freien Menschen in Europa", betonte Tichanowskaja.

Preisträgerin erinnert an Verhaftung ihrer Mutter

Einen sehr persönlichen Blick auf die schlimmen Verhältnisse in ihrem Heimatland gewährte Veronika Tsepkalo, die den Karlspreis als Auszeichnung für alle Belarussen betrachtet. Sie berichtete von ihrer schwer krebskranken Mutter, die vor einigen Jahren nach einem Bombenanschlag auf ihr Wohnviertel unter Terrorismusverdacht verhaftet wurde. Vermutlich deshalb, weil sie mit Lukaschenko vor dessen Zeit als Präsident zusammengearbeitet hatte. Die Mutter war die Tochter eines Deutschen und kam 1944 in einem deutschen Arbeitslager zur Welt. Ihr deutscher Großvater wäre vermutlich glücklich zu hören, sagte Tsepkalo, dass seine Enkelin einen der wichtigsten Preise in Deutschland bekommt.

Menschenmenge vor dem Aachener Dom | Bildquelle: Richard Derichs

Das Volk wird sich an Hilfe erinnern

Für ihre inhaftierte Schwester Maria Kalesnikava hielt Tatsiana Khomich die Dankesrede. Es war ein klares politisches Statement für ein freies Belarus. "Wir brauchen kein Mitleid, wir sind eine fortschrittliche und starke Nation", sagte sie. Und man solle Belarus nicht mit Russland gleichsetzen, die Belarussen sollten nicht abgeschottet und isoliert werden. "Wir sind eine europäische Nation, die Pech hatte", resümierte Khomich. Aber das Volk werde sich an die Hilfe der Europäer erinnern und sich erkenntlich zeigen, wenn Belarus frei sei. "Wir glauben, dass dieses Kapitel bald abgeschlossen wird und das Regime der Vergangenheit angehört."

Außergewöhnliche Karlspreis-Verleihung

600 Gäste im Krönungssaal des Aachener Rathauses verfolgten gebannt und teilweise zu Tränen gerührt den Reden der Außenministerin und der drei Preisträgerinnen. Aachens Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen hatte es eingangs zu Recht gesagt: Es war in diesem Jahr 2022 eine ganz besondere und außergewöhnliche Karlspreis-Verleihung.

Denn zum ersten Mal in seiner Geschichte wurde der Preis einer europäischen Bewegung aus dem Volk verliehen, die Widerstand gegen ein autokratisches System leistet. Mit dieser mutigen und politischen Entscheidung habe sich das Karlspreis-Direktorium eingemischt und eindeutig Partei ergriffen, sagte Keupen. "Für ein Europa der Freiheit und der Demokratie."

Karlspreis für belarussische Bürgerrechtlerinnen: Gespräch mit Alice Bota, Autorin von "Die Frauen von Belarus" WDR 3 Resonanzen 25.05.2022 13:07 Min. Verfügbar bis 25.05.2023 WDR 3

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