Nach Missbrauchsfall: Kardinal Woelki will sich Vertuschungsvorwurf stellen

Nach Missbrauchsfall: Kardinal Woelki will sich Vertuschungsvorwurf stellen

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hat Papst Franziskus gebeten, zu prüfen, ob er eine Pflichtverletzung nach Kirchenrecht begangen hat. Woelki hatte angekündigt, sich dem Vorwurf des Vertuschens einer sexuellen Straftat zu stellen.

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki will sich dem Vorwurf stellen, einen schweren Fall von sexualisierter Gewalt eines Pfarrers vertuscht zu haben. Das hat das Erzbistum Köln am Donnerstagnachmittag angekündigt. Das Bistum Münster meldete indes, dass der Münsteraner Bischof Felix Genn kirchenrechtliche Schritte gegen Woelki prüfen will.

Kardinal Woelki will März-Gutachten abwarten

In Köln setzt man auf eine eigene juristische Auswertung: Wie sein Umgang mit einem mutmaßlichen Missbrauchstäter strafrechtlich und kirchenrechtlich zu bewerten sei, werde das von ihm beauftragte Gutachten des Kölner Strafrechtlers Björn Gercke im März aufzeigen, erklärte Woelki.

Woelki will "moralische Verantwortung" übernehmen. "Sollte ich im konkreten Fall Fehler gemacht haben, werden diese klar benannt und ich werde danach handeln", so der Kardinal. Das Brisante an diesen Worten: Damit deutet er aus Sicht von Beobachtern die Möglichkeit eines Rücktritts an.

Erstmals Vertuschungsvorwurf direkt gegen Woelki

Woelki sieht sich nun erstmals persönlich mit Vertuschungsvorwürfen konfrontiert. Im Jahr 2015 habe er Missbrauchsvorwürfe gegen einen Pfarrer aus Düsseldorf nicht dem Vatikan in Rom gemeldet, so der Vorwurf. Das Erzbistum Köln bestätigte am Donnerstag einen entsprechenden Bericht des "Kölner Stadt-Anzeigers".

Zugleich verwies es auf den damaligen Gesundheitszustand des mittlerweile verstorbenen Geistlichen. Weil es dem Mann zu schlecht ging, habe es keine sogenannte kanonische Voruntersuchung gegeben.

Erzbistum: Pfarrer war "nicht vernehmungsfähig"

Der Pfarrer sei "nicht vernehmungsfähig" gewesen, heißt es in der Stellungnahme. "Ein zweiter Schlaganfall und eine fortgeschrittene Demenz machten eine Konfrontation zur Aufklärung des Falles unmöglich."

Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster sieht das anders. Dass der Pfarrer keine Auskunft mehr geben konnte, sei "irrelevant" für die Meldung nach Rom. "Dann muss man eben nur das Material einreichen, das das Opfer angezeigt hat", so Schüller am Donnerstagabend gegenüber dem WDR in der "Aktuellen Stunde".

"Und die Tatsache, dass das Erzbistum Köln dem Opfer 15.000 Euro überwiesen hat, zeigt noch mal die Dramatik der Straftat. Das ist nämlich ein ungewöhnlich hoher Betrag."

Nach Recherchen des "Kölner Stadt-Anzeigers" handelt es sich bei den Vorwürfen um eine Tat aus den späten 1970er-Jahren. Das Opfer, damals ein Junge im Kindergartenalter, habe den Missbrauch im Jahr 2010 beim Bistum angezeigt.

Woelki selbst wurde 2014 Erzbischof von Köln. Nach Sichtung von Personalunterlagen habe er dann im Jahr darauf entschieden, dass den Vorwürfen gegen den 1929 geborenen und mittlerweile gestorbenen Pfarrer Johannes O. nicht weiter nachgegangen, keine kirchenrechtliche Voruntersuchung eingeleitet und der Fall auch nicht dem Apostolischen Stuhl in Rom gemeldet werde.

Bischof von Münster prüft kirchenrechtliche Schritte

Ebenfalls am Donnerstagnachmittag hat der Bischof von Münster, Felix Genn, angekündigt, dass er prüfen lässt, ob er gegen Woelki kirchenrechtliche Untersuchungen aufnehmen lassen wird. Dazu sei er verpflichtet.

Denn: "Laut des 2019 von Papst Franziskus veröffentlichten Apostolischen Schreibens 'Ihr seid das Licht der Welt' ist der dienstälteste Bischof einer Kirchenprovinz verpflichtet, unter bestimmten Voraussetzungen eine kirchenrechtliche Untersuchung gegen den Leiter der Kirchenprovinz einzuleiten", so das Bistum Münster.

Kirchenrechtler: Woelki wird zurücktreten müssen

Gegenüber der "Rheinischen Post" sagte Kirchenrechtler Schüller, Woelki werde "nach Aktenlage - so oder so - auf jeden Fall zurücktreten müssen". Damit würde er dem Erzbistum einen Gefallen tun. "Und er würde sich sehr peinliche Befragungen ersparen, die kirchenrechtlich zwangsläufig jetzt erfolgen."

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Beitrags wurde durch eine Formulierung der Eindruck erweckt, als habe der Bischof von Münster bereits beschlossen, dass gegen Woelki kirchenrechtliche Untersuchungen aufgenommen werden.

Stand: 16.12.2020, 14:26