Erzbistum Köln: Erster Einblick in das Missbrauchs-Gutachten

Erzbistum Köln: Erster Einblick in das Missbrauchs-Gutachten

Von Christina Zühlke

Die Sprache klingt kompliziert, doch die Botschaft wird klar. Ein Ausschnitt aus der Münchner Untersuchung zu Vertuschung von sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln gibt Hinweise darauf, warum das Gutachten nicht veröffentlicht werden sollte.

Ende Oktober 2020 verkündete Rainer Maria Kardinal Woelki, dass die bereits fertige Untersuchung der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) nicht veröffentlicht werden soll. Seitdem haben sich dutzende Betroffene von sexualisierter Gewalt, Journalisten und auch viele Kirchen-Spezialisten gefragt, was in diesem Gutachten stehen könnte, das es für das Erzbistum Köln kritisch macht.

Ausschnitt aus Münchner Untersuchung

Dem WDR liegt ein Ausschnitt der Münchner Untersuchung vor, der eine Idee davon geben könnte, warum einem konservativen Geistlichen wie Kardinal Woelki, die Inhalte aus München womöglich zu weit gehen. In dem Ausschnitt schreiben die Münchner Anwälte zunächst, dass die Kirche sich intensiv bemühe, gute Präventionsarbeit zu machen. Dennoch sei "eine Bereitschaft vor allem der kirchlichen Hierarchie diese […] Frage nach einem unmittelbaren Zusammenhang zwischen Pflichtzölibat und sexuellem Missbrauch […] kritisch und ergebnisoffen zu untersuchen, nur vereinzelt erkennbar, gleichwohl aber dringend geboten."

Die Gutachter schreiben weiter, dass das aber nötig sei, "unabhängig davon, ob der Anteil der Missbrauchstäter unter den Priestern höher ist als im Bevölkerungsdurchschnitt oder nicht. Beide Ansichten werden vertreten. […] Entscheidend ist insoweit die herausragende Verantwortung, die die Kirche dadurch trägt, dass sie mit einem besonderen Vertrauensvorschuss ausgestattete Personen in verantwortlicher Stellung gegenüber ihren Gläubigen einsetzt und auch diesen gegenüber eine Fürsorgepflicht hat."

Das Urteil der Münchner Anwälte ist deutlich. Die Verantwortlichen in der Kirche würden der besonderen Fürsorgepflicht nicht gerecht, "wenn mehr oder minder gleichgültig darauf verwiesen wird, dass es sexuellen Missbrauch auch außerhalb der katholischen Kirche gibt. Die katholische Kirche muss sich vielmehr mit allen Kräften darum bemühen, gerade auch ihre Gläubigen vor sexuellem Missbrauch durch kirchliche Amtsträger zu schützen."

Kirchenrechtler Anuth: Nicht auszuschließen, dass Einschätzungen nicht öffentlich werden sollten

Kirchenrechtler Bernhard Anuth

Kirchenrechtler Bernhard Anuth

Für Kirchenrechtler Professor Bernhard Anuth könnte das Zitat bestätigen, was vorher bereits verschiedentlich vermutet wurde, nämlich "dass der eigentliche Grund für die Nichtveröffentlichung des Münchner Gutachtens nicht dessen tatsächliche oder vermeintliche Mängel waren." Anders als die Kölner Gutachter haben, so Anuth im WDR, sich die Münchener "offensichtlich auch über systemische Ursachen des Umgangs mit sexuellem Missbrauch Gedanken gemacht, die in der Kirche nicht gern gehört oder von vornherein ausgeschlossen werden."

Bernhard Anuth findet, die Münchner Anwälte haben völlig zurecht auf den hohen moralischen Selbstanspruch der Kirche hingewiesen. "Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass solche Einschätzungen nicht öffentlich werden sollten, weil damit nicht mehr so einfach die einen zu be- und der andere zu entschuldigen gewesen wäre."

Beauftragter der Bundesregierung: Viele Gründe für sexuelle Gewalt

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig (CDU), am 13.12.2011 in Berlin

Johannes-Wilhelm Rörig ist der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung

Der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs Johannes-Wilhelm Rörig sagte dem WDR: "Spätestens seit Veröffentlichung der MHG-Studie (Anm. d. R.: bundesweite Studie zur sexualisierten Gewalt im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz) wissen wir, dass eine Kombination einer Vielzahl von Gründen maßgeblich für sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im katholischen Kontext ist. Nicht allein das Gebot der sexuellen Enthaltsamkeit, nicht allein der Klerikalismus, nicht allein die katholische Sexualmoral sind jeweils allein ursächlich. Aber die Kombination dieser und weiterer Gründe erhöht die Gefahr sexueller Gewalt gegen Kinder in den Strukturen, in denen sie katholischen Kirchenleuten anvertraut sind."

Betroffener Katsch will Aufklärung vorantreiben

Matthias Katsch, der selbst als Schüler sexualisierte Gewalt erlebt hat, versucht seit Jahren die Aufklärung voranzutreiben. Dass das Erzbistum Köln eine fertige Untersuchung nicht veröffentlichen wollte, habe ihn entsetzt. Vor allem auch, weil im Oktober 2020 einige Betroffenen aus Köln berichteten, dass sie sich gedrängt gefühlt hätten, der Nicht-Veröffentlichung zuzustimmen. Instrumentalisierung stand im Raum. Matthias Katsch sagte dem WDR, der Ausschnitt aus der Münchner Untersuchung zeige: "Das geheime Gutachten hat sich offenbar getraut, unerwünschte weil tiefergehende Empfehlungen zu formulieren, damit Prävention nachhaltig wirkt."

Matthias Katsch

Matthias Katsch ist Sprecher einer Betroffeneninitiative

Bei den Verantwortlichen in Köln gebe es die klare Tendenz zur Relativierung: "Es kann und darf nicht sein,  dass die tieferen Ursachen für die vielen Missbrauchstaten durch Kleriker in der inneren Struktur der Kirche und ihrer vormodernen Haltung zur Sexualität des Menschen liegen. Der Missbrauch und die Verheimlichung, der Täterschutz und die Opfermissachtung hatten System. Das geheim gehaltene Gutachten  hat das  benannt."

Katsch schlussfolgert, dass die Verantwortlichen demnach sehenden Auges auch weiterhin Kinder und Jugendlichen in Gefahr gebracht hätten. Ihnen sei ihr überkommenes Kirchenbild wichtiger als der Schutz vor sexueller Gewalt. Katsch erzählt von seinen zahlreichen Begegnungen mit Bischöfen und anderen Verantwortlichen in der Kirche: "Sie wollen eigentlich bis heute nichts ändern an ihrer Form von Kirche und an der Haltung zur Sexualität. Die Opfer nehmen sie dafür in Kauf und relativieren sie."

Theologe Remenyi: Zweites Gutachten wird Betroffenen nicht gerecht

Theologe Matthias Remènyi

Matthias Remenyi lehrt an der Uni Würzburg

Eine weitere Einschätzung zum Stil der Münchner Untersuchung kommt vom Würzburger Theologie-Professor Matthias Remenyi. Er sagte dem WDR, dass viele, die Kardinal Woelki verteidigten, das Gutachten der Kanzlei Gercke loben, weil es sich auf juristisch benennbare Pflichtverletzungen beschränke, die nun zu konkreten personellen Konsequenzen geführt hätten. "Das mir vorgelegte Zitat legt aber die entscheidende Schwäche dieser Strategie offen: Sie kann nur der erste Schritt sein, denn sie bringt nur die Spitze des Eisbergs ans Licht." Das moralische Verhalten Einzelner "angesichts des kirchlichen Selbstverständnisses, bleibt dabei unbeachtet. Ebensowenig kommt die Frage nach systemischen und strukturellen, tieferliegenden Ursachen des Missbrauchs und seiner Vertuschung auf den Tisch, wie sie etwa die MHG-Studie 2018 aufgelistet hat."

Matthias Remenyi sieht bei dem nun vom Erzbistum veröffentlichten, zweiten Gutachten den Fokus auf der schlechten Aktenführung, mangelnder Rechtskenntnis und unklaren Zuständigkeiten. "Das ist gewiss nicht nichts, wird aber, wenn es dabei bleibt, den Betroffenen nicht gerecht." Remenyi warnt davor, dass die im Ausschnitt aus der Münchner Untersuchung angesprochenen grundlegenden systemischen Fragen nun mit Verweis auf das Gercke-Gutachten nicht mehr angesprochen würden.

"Ein Gutachten, das, weil nicht tief genug greifend, de facto systemstabilisierend Verwendung fände, wäre erneut missbräuchlich." Gerechtigkeit für die Betroffenen und neues Vertrauen der Gläubigen könne nur durch vollständige Transparenz, Umkehr und Neuanfang gelingen, so der Würzburger Theologe. "Wie das einer Bistumsleitung gelingen soll, die noch im Herbst 2020 den Betroffenenbeirat für ihre eigenen Zwecke in Dienst genommen hat, ist mir schleierhaft. Ich halte den Schaden für irreparabel."

Journalisten dürfen Gutachten einsehen

Ab Donnerstag 9 Uhr dürfen nun Journalisten und andere Interessierte die Münchner Untersuchung einsehen. Anderthalb Stunden hat jeder, der beim Erzbistum einen Termin macht, dafür Zeit.

Die Begründung des Erzbistums für die Nichtveröffentlichung lautete stets, die Münchner Anwälte hätten handwerklich nicht sauber gearbeitet, deshalb könne man das Gutachten nicht veröffentlichen. Die Kritik an der Münchner Untersuchung untermauerte das Erzbistum mit dem Gutachten zweier Jura-Professoren. WDR-Recherchen legen allerdings offen, dass zumindest einer der Gutachter, Professor Matthias Jahn aus Frankfurt, den Auftrag des Erzbistums an die Münchner Kanzlei nicht kannte. Ihm war nicht bewusst, dass die Kanzlei explizit nicht nur die Aktenlage sondern auch das Handeln der Verantwortlichen vor dem kirchlichen Selbstverständnis, als moralisch und ethisch, beurteilen sollte.

Kardinal Woelki: Von Münchner Gutachten noch keine Seite gelesen

Kardinal Rainer Maria Woelki bekommt am 18. März 2021 von den Anwält*innen Björn Gercke und Kerstin Stirner das Missbrauchs-Gutachten überreicht

Kardinal Woelki mit den Verfassern des Gercke-Gutachtens

In seiner Stellungnahme zum Zitat aus der Münchner Studie schreibt das Erzbistum dem WDR: "Die Angabe, dass Mitarbeiter der Kirche einen Vertrauensvorschuss genießen, teilt das Erzbistum und ist sich dieses Vertrauensvorschusses bewusst." Für das Erzbistum Köln sei nun das Gutachten der Kanzlei Gercke "handlungsleitend", da das Münchner Gutachten methodische Mängel habe. "Soweit die Münchener Gutachter im Übrigen außerhalb ihrer juristischen Fachkompetenz Wertungen und Anregungen geben, können diese schon bereits deshalb nicht handlungsleitend sein, weil den Münchener Gutachtern in diesen Feldern an jeder fachlichen Kompetenz fehlt", schreibt die Pressestelle des Erzbistums auf WDR-Nachfrage. Man werde aber auch außerhalb juristischer Felder weiter aufarbeiten.

Bei der Pressekonferenz am vergangenen Dienstag fragte eine Journalistin, ob Kardinal Woelki denn, trotz aller Diskussionen, dem Münchner Gutachten auch etwas Gutes abgewinnen könne. Vielleicht seien ja auch darin sinnvolle Tipps für den zukünftigen Umgang mit Missbrauch enthalten. Die Antwort des Kardinals lautet: "Ich habe von dem Münchner Gutachten noch keine Seite gelesen."

Das Erzbistum Köln betont das in einer Pressemitteilung am Donnerstag (25.03.2021): "Kein Verantwortlicher des Erzbistums Köln hatte zuvor Einblick in das Gutachten der Kanzlei Westpfahl pp."

Stand: 25.03.2021, 18:44