Flutkatastrophe: Erftstadt soll Warnungen ignoriert haben

Flutkatastrophe: Erftstadt soll Warnungen ignoriert haben

Von Oliver Köhler

In Erftstadt haben Feuerwehr und Stadtverwaltung die drohende Überflutung ignoriert. Anwohner hätten etwa 20 Stunden Zeit gehabt, sich und ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen, zeigen WDR-Recherchen.

Die Feuerwehr in Erftstadt hat Informationen zur drohenden Überschwemmung von Wohngebieten in ihrer Stadt tagelang ignoriert. Selbst als Fachleute des Erftverbandes am Mittag des 14. Juli - also etwa 20 Stunden vor den massiven Überflutungen von weiten Teilen der Stadt - ein außergewöhnliches Hochwasser in der Erft vorhersagten, reagierte die Feuerwehr nicht. Das haben Recherchen des WDR ergeben.

Feuerwehr hatte Flut nicht "auf dem Schirm"

Die Feuerwehr in Erftstadt hat die Recherchen des WDR weitgehend bestätigt. Sie hätten das Hochwasser in den Flüssen "anfangs nicht auf dem Schirm" gehabt. Später habe die Feuerwehr notwendige Informationen über die drohende Überflutung von Erftstadt nicht erhalten, weil sie "blind" gewesen sei. Alle Kommunikationsmittel - selbst der Feuerwehrfunk - hätten kurz vor der Überflutung versagt.

Anwohner hätten noch Zeit gehabt vor der Flut

Hätte die Feuerwehr rechtzeitig reagiert und die Bürger beim Bekanntwerden der ersten konkreten Hinweise auf Hochwasser in der Erft gewarnt, wären den Menschen etwa 20 Stunden geblieben, um persönliche Dinge, Dokumente, Erinnerungsstücke und anschließend sich selbst in Sicherheit zu bringen.

Nach der Unwetterkatastrophe werden in Erftstadt Häuser abgerissen, die durch das Hochwasser zerstört wurden.

Aufräumen und Abreißen nach dem Hochwasser

"Ich wurde am frühen Morgen wach und ich dachte, was rauscht das so im Garten", sagt Wolfgang Bieberstein. "Dann bin runtergegangen. Da kam das schon an, wie in so einem Mühlenbach. Ehe ich wieder oben war, hatte ich schon nasse Füße". Der 82-Jährige hatte keine Chance mehr, persönliche Dinge wie Fotoalben, Briefe, wichtige Dokumente oder Urkunden in Sicherheit zu bringen. "Ich habe alles verloren" sagt er mit tränenerstickter Stimme. "Zum zweiten Mal alles verloren. Erst im Krieg und nun schon wieder."

Hochwasser überraschte Menschen im Schlaf

Ähnlich wie Wolfgang Bieberstein ging es am Morgen des 15. Juli Hunderten Bewohnern von Erftstadt. In dem sonst beschaulichen Flüsschen Erft rollte an diesem Morgen ab etwa vier Uhr eine rasant steigende Hochwasserwelle auf Erftstadt zu. Das Hochwasser flutete zunächst Wohngebiete in Bliesheim, anschließend die Ortsteile Liblar und Blessem.

Das sprunghaft ansteigende Wasser lief in Keller und Erdgeschosse, während die Anwohner noch schliefen. Bei der für den Schutz der Bevölkerung zuständigen Feuerwehr in Erftstadt ahnte offenbar niemand, was da auf den Ort zukam. In dem zuerst von der rasanten Überflutung betroffenen Ortsteil Bliesheim hatte das Hochwasser auch Winfried Corall und andere Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr vollkommen unvorbereitet getroffen.

Feuerwehrhaus unter Wasser: Sirene funktionierte nicht mehr

Die Männer versuchten, sich durch das Wasser zu ihrem Gerätehaus durchzuschlagen. "Als wir dort gegen 7.30 Uhr ankamen, stand das Gerätehaus schon einen Meter unter Wasser", berichtet Winfried Corall. "Der größte Teil unserer Ausrüstung war unbrauchbar." Der Strom war ausgefallen. Die Sirene auf dem Dach des Gerätehauses funktionierte nicht mehr. Die Feuerwehrleute konnten die Menschen im Ort nicht einmal mehr warnen.

In den Wassermassen der Flut versunkene Autos in Erftstadt.

Auch viele Autofahrer wurden von der Flut in Erftstadt überrascht.

Dabei hätte die Stadt Erftstadt schon Tage früher wissen können, dass in der Erft ein schweres Hochwasser entstehen könnte, dass Wohngebiete überschwemmt werden. Der Wasserexperte Heribert Nacken von der RTWH-Aachen sagt im Gespräch mit dem WDR: "Die Informationen, die uns allen vorlagen, die fingen eigentlich schon am Montag des 12. Juli an. Schauen sie mal auf den Youtube-Kanal des Deutschen Wetterdienstes, der macht Unwettervideos. Da wurde schon am 12. Juli darauf hingewiesen, dass ein ganz außergewöhnliches Ereignis kommt."

Rechtzeitige Warnungen des Deutschen Wetterdienstes

Tatsächlich hatte der Deutsche Wetterdienst sogar eine Karte mit den voraussichtlich am schwersten betroffenen Gebieten veröffentlicht. Im Zentrum dieser Karte lag Erftstadt. Der Wetterdienst warnte ausdrücklich also bereits drei Tage vorher vor den Überflutungen - bevor weite Teile von Erftstadt überschwemmt wurden.

Diese Informationen seien über zahlreiche Medien und Warn-Apps verbreitet worden, sagt Wasserexperte Nacken, so dass eigentlich niemand sagen könne, er habe davon nicht gewusst. Am Vormittag des 14. Juli kam der Regen, so wie es die Wetterdienste vorhergesagt hatten: Starkregen über der Eifel bis hin zum Bergischen Land.

Erftverband erwartete Jahrhunderthochwasser

Gegen Mittag des 14. Juli konnten die Wasserexperten des für das Hochwassermanagement in der Erft zuständigen Erftverbandes bereits erkennen, dass sich ein bedrohliches Hochwasser entwickelt: "Aus den vorliegenden Niederschlagsvorhersagen des DWD konnte mit Hilfe der Abflussvorhersagen am 14. abgeleitet werden, dass ein außergewöhnliches Hochwasser entstehen wird und die entsprechenden Maßnahmen (Inbetriebnahme der Hochwasserrückhaltebecken) vorzubereiten sind", erklärte der Erftverband später in einer schriftlichen Stellungnahme auf Anfrage des WDR.

Die Hydrologen des Erftverbandes teilten lokalen Medien im Erftkreis am Mittag des 14. Juli mit, dass ein „hundertjährliches Hochwasser“ zu erwarten sei. Ein hundertjährliches Hochwasser ist ein Wasserstand, der statistisch einmal alle 100 Jahre vorkommt. Bei diesem Wasserstand werden laut Berechnungen des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz in Erftstadt die Häuser von 270 Bürgern überflutet. Das geht aus Hochwasser-Risiko-Karten hervor, die detailliert zeigen, welche Gebiete bei welchen Wasserständen von Überflutungen betroffen sind. Diese Karten stehen der Stadt Erftstadt zur Verfügung und auch jeder Bürger kann sie im Internet finden.

In Bildern: Leben nach der Flut

Manche Bewohner dürfen in ihre Häuser zurück. Andere hoffen darauf, dass das auch für sie bald wieder möglich ist. Einige Häuser werden aber auch schon abgerissen. Die Familien Groten und Dunkel geben Einblicke in ihr Leben nach der Flut.

Waltraud Groten läuft in Gummistiefeln auf schlammverkrustetem Boden durch ihren Hausflur. In der Küche hat die Flut Spuren hinterlassen - auch wenn die Aufbewahrungsdosen für Zucker und Kaffee immer noch genau so im oberen Küchenschrank stehen wie vor der Katastrophe.

Das Wohnzimmer der Grotens sieht ähnlich aus: Bücher liegen auf den dreckigen Fliesen, das unterste Fach des Bücherregals wurde umspült, die oberen Fächer sind unversehrt. Auch die Orchideen stehen alle noch in ihren Töpfen auf dem Fensterbrett - und blühen, als wenn nichts passiert wäre.

Vor ihrem Haus (links) spricht Waltraud Groten mit einem Nachbarn, dessen Haus abgerissen werden muss. Sein Haus steht direkt gegenüber dem der Grotens. Ein Bagger hat schon damit begonnen, ein anderes Haus auf der Radmacherstraße abzureißen.

Ulrich Dunkel unterhält sich mit einem Nachbarn (links). Er weiß immer noch nicht, was mit seinem Haus passieren wird: Noch ist es gesperrt, nur den Garten darf er betreten. Die beiden Häuser der Grotens und Dunkels liegen einander direkt gegenüber, den Grotens gehört das rote Haus auf der linken Seite, den Dunkels das grüne Haus auf der rechten Seite.

Das Haus der Grotens (hier hinter dem Bagger) steht direkt an der Abbruchkante, die durch die Unwetterkatastrophe verursacht wurde. An diesen neuen Anblick werden sie sich noch gewöhnen müssen.

Feuerwehr registrierte die Warnungen nicht

Bereits am Mittag des 14. Juli war also absehbar, dass in Erftstadt Wohngebiete überschwemmt werden würden. Doch die für den Schutz der Bevölkerung zuständige Feuerwehr will diese Informationen nicht bekommen haben. So warnte sie weder die Bevölkerung der betroffenen Stadtgebiete vor Überflutungen, noch bereitete die Feuerwehr die Evakuierung vor.

"Wir hatten bei der Stadt Erftstadt das Problem, dass diese vom Erftverband kommunizierte Information uns nicht vorlag", sagt Elmar Mettke, Sprecher der Feuerwehr Erftstadt dem WDR. Aus Recherchen des WDR geht hervor, dass der Erftverband die Stadt Erftstadt offenbar nicht über die drohende Gefahr informiert habe. Einen Fragenkatalog des WDR zu den Ereignissen am 14. und 15. Juli hat der Erftverband mit Hinweis auf Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bisher nicht beantwortet.

Die Stadt Erftstadt habe bei den Experten des Erftverbandes aber offenbar auch nicht nachgefragt, ob Hochwasser zu erwarten sei. Stadt und Feuerwehr haben nicht einmal registriert, dass lokale Medien bereits gegen Mittag des 14. Juli von der Gefahr eines hundertjährlichen Hochwassers berichteten.

Stadt und Feuerwehr begriffen nicht, dass Starkregen Hochwasser in Flüssen auslöst

Ein Hubschrauber der Bundeswehr fliegt über dem Ortsteil Blessem.

Die Bundeswehr kreist mit dem Hubschrauber über Erftstadt

Der Sprecher der Feuerwehr räumt ein, dass Feuerwehr und Stadtverwaltung in Erftstadt nicht begriffen hatten, dass die extremen Regenfälle zu Hochwasser in den Flüssen führen: "Wir sind zunächst von einem Starkregen-Ereignis ausgegangen, was für uns bedeutet, dass Keller volllaufen, dass Keller ausgepumpt werden, dass die Kanalisation an manchen Stellen das Regenwasser nicht bewältigen kann. Die Problematik, die wir hatten, dass wir schnell strömendes Wasser aus den Gewässern hatten, das hatten wir anfangs nicht auf dem Schirm", sagt Elmar Mettke, Sprecher der Feuerwehr Erftstadt im Interview mit dem WDR.

Statt die Evakuierung der besonders gefährdeten Stadtteile, des Krankenhauses und des Altenzentrums vorzubereiten, rückten in Erftstadt am 14. Juli alle verfügbaren Feuerwehrleute aus, um Keller leer zu pumpen. Die Feuerwehrleute hätten wissen müssen, dass die Häuser, deren Keller sie mit großem Einsatz leerpumpten, nur Stunden später teilweise metertief im Hochwasser stehen würden. Doch die Führung der Feuerwehr hatte sich keine Gedanken über die Entwicklung der Wasserstände in den Flüssen rund um Erftstadt gemacht.

Blick auf Bad Münstereifel hätte Taten folgen lassen müssen

Dabei gab es am 14. Juli mehrere deutliche Warnsignale, dass sich in der Erft eine bisher nicht gekannte Hochwasserwelle bildet. Nur wenige Kilometer flussaufwärts von Erftstadt, in Bad-Münstereifel, stieg das Wasser in der Erft nämlich bereits seit dem Vormittag mit rasanter Geschwindigkeit. Der Pegel Bad Münstereifel Arloff, dessen Daten live im Internet veröffentlicht werden, stieg seit 11.30 Uhr steil an. Am Nachmittag wurden an dem Pegel alle Warnwerte überschritten. Am Abend erreichte der Wasserstand die Marke eines Jahrhunderthochwassers. Dann wurde der Pegel vom Hochwasser beschädigt. Die Feuerwehr und der Stab in Erftstadt bemerkten diese Warnsignale nicht.

"Die Stadt Erftstadt, speziell die Feuerwehr Erftstadt, hatte eigentlich keine Kenntnisse, was in Nachbarstädten, Nachbargemeinden und Nachbarkreisen vor sich geht, weil wir mit eigenen Einsatzereignissen komplett ausgelastet und komplett beschäftigt waren", sagt Feuerwehrsprecher Elmar Mettke. Statt die gefährdeten Gebiete in Erftstadt zu räumen, forderte die Feuerwehr die Bürger im Gegenteil noch am Abend des 14. Juli um 20.15 Uhr per Warn-App auf: "Bleiben Sie möglichst zu Hause".

Dabei stand das Hochwasser zu diesem Zeitpunkt im Erftstädter Ortsteil Bliesheim bereits in vielen Vorgärten und stieg weiter. Nicht einmal zwei Stunden später, gegen 22 Uhr, erreichte die Erft in Bliesheim den Wert für ein Jahrhunderthochwasser. Seit dem Vormittag war der Pegel in Bliesheim um zwei Meter gestiegen.

Trügerische Ruhe am Abend

In Bliesheim setzte sich der bis dahin rasante Anstieg des Hochwassers aber nach 22 Uhr plötzlich nicht mehr fort. Es hatte aufgehört zu regnen. Der Pegelstand ging sogar leicht zurück. "Ich dachte das war's", sagt Wolfgang Bieberstein. "Das Schlimmste ist vorbei, Glück gehabt. Dann bin ich ins Bett gegangen."

Manche Häuser stehen direkt an der Abbruchkante in Erftstadt-Blessem

Orte der Zerstörung

Dass der Pegel der Erft aber nur deshalb nicht weiter stieg, weil der Erftverband an dem Abend versuchte, die Flutwelle der Erft hinter einem Damm aufzuhalten, wusste in Erftstadt offenbar niemand. Hinter dem Damm bei Horchheim, zwischen Euskirchen und Weilerswist, können bis zu 1,4 Millionen Kubikmeter Wasser gestaut werden.

Großalarm in Weilerswist – keine Warnungen in Erftstadt

In der Nacht zum 15. Juli mussten die Experten erkennen, dass der Stauraum hinter dem Damm nicht ausreicht. Gegen vier Uhr stand fest, dass das Wasser am Damm Horchheim überläuft. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar: Es drohen an der Erft unterhalb des Damms massive Überflutungen. Im nahegelegenen Weilerswist löste die Feuerwehr um 4.18 Uhr Großalarm aus. Die Feuerwehr forderte die Anwohner von Weilerswist auf, bei Ankommen des Hochwassers sofort die Häuser zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen.

In Erftstadt, das an Weilerswist grenzt, gab es dagegen keinen Alarm. Es heulten keine Sirenen, es wurden keine Warn-Apps ausgelöst, niemand weckte die Menschen. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Erftstadt erfuhren nicht, dass eine extreme Flutwelle auf ihre Häuser zurollt. "Hätte ich das gewusst, dann hätte ich wenigsten ein paar Erinnerungen retten können", sagt Wolfgang Bieberstein. "Aber es gab keine Warnung, nichts."

Feuerwehr war blind – kein Telefon, kein Funk, kein Internet

Die Feuerwehr in Erftstadt habe - nach eigenen Angaben - keine Information aus Weilerswist erhalten. Auch vom Erftverband, der für den Damm bei Horchheim zuständig ist, habe es keinen Hinweis auf die Flutwelle gegeben, sagt Elmar Mettke, Sprecher der Feuerwehr Erftstadt dem WDR:

"Ob das am Erftverband liegt oder daran, dass wir für ein paar Stunden blind waren aufgrund ausgefallener Telekommunikation - nicht nur im Bereich Telefon, sondern auch im Bereich Feuerwehrfunk, Fax, Internet. Die Information kam bei uns so nicht an." Ab 6 Uhr früh stieg der Wasserstand in Erftstadt sprunghaft an. Häuser versanken im Wasser. In letzter Minute retteten Anwohner im Ortsteil Bliesheim eine schwerkranke Frau. In ihrer Wohnung im Erdgeschoss stand das Wasser schon hüfthoch.

Großalarm erst um 8.50 Uhr

Erst um 8.50 Uhr gab die Feuerwehr in Erftstadt Großalarm. Wohngebiete in Bliesheim, Blessem und Liblar sollten so schnell wie möglich evakuiert werden, außerdem das Krankenhaus und das Seniorenzentrum. Doch die Wohngebiete standen da bereits unter Wasser, Menschen flüchteten in Panik durch Straßen, die sich innerhalb von Minuten in reißende Ströme verwandelten. Dass bei dieser Hochwasserwelle in Erftstadt niemand ums Leben gekommen ist, grenzt an ein Wunder.  

Stand: 23.08.2021, 09:40