Erschreckende Einblicke in die Erntehelfer-Branche

Die Containerunterkünfte neben dem Spargelfeld.

Erschreckende Einblicke in die Erntehelfer-Branche

Von Tobias Al Shomer

  • Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe
  • Seit Jahren schlechte Behandlung der Erntehelfer
  • Staatsanwaltschaft ermittelt seit 2018

Dieser Artikel ist eine gemeinsame Recherche des WDR Landesstudios Bonn und des General-Anzeigers Bonn

Es waren Bilder, die deutschlandweit Schlagzeilen gemacht haben: rumänische Erntehelfer protestieren vor dem Spargel- und Erdbeerhof Ritter in Bornheim. Angeblich, weil sie zu wenig Lohn erhalten hätten. Der Betrieb ist pleite. Der Insolvenzverwalter erklärt aber gegenüber dem WDR und General-Anzeiger, dass alle Erntehelfer vertragsgemäß bezahlt worden seien.

Bei den Protesten war auch der Besitzer des insolventen Betriebs Claus Ritter dabei. Er kritisierte den Insolvenzverwalter scharf und erklärte in der Lokalzeit aus Bonn, dass er das ganze Chaos nicht nachvollziehen könne: "Wir haben die Leute seit 25 Jahren. Das sind immer die gleichen Leute, die da jedes Jahr kommen. Wir haben mit denen noch nie Probleme gehabt."

Gab es nie Probleme mit Erntehelfern?

Sie sei fast vom Hocker gefallen, als sie diese Aussage von Claus Ritter im Fernsehen gesehen habe, erzählt Ursula Heß. Seit fünf Jahren arbeitet sie im Büro für die Eheleute Ritter. Familie Ritter, sagt sie, habe die rumänischen Erntehelfer nie gut behandelt. Besonders ist ihr ein Vorfall in Erinnerung geblieben.

"Da wollte ein Mann unbedingt nach Hause. Ich weiß nicht mehr, was der Grund war, aber er hatte offensichtlich große Probleme. Dem wurde das abgewiesen und dann griff er hier durch das offene Fenster in meinem Büro, nahm sich meine Büroschere und schlitzte sich damit den kompletten Oberarm auf. Nach dem Motto: wenn ich verletzt bin kann ich nicht mehr arbeiten und dann müsst ihr mich nach Hause schicken."

Claus Ritter bestätigt den Vorfall mit der Schere. Er schreibt uns: "Durch unsere übertarifliche Bezahlung hatten die Erntehelfer schnell Ihren Lebensunterhalt verdient und versuchten bereits weit vor Vertragsende abzureisen. Bei den dann geführten Gesprächen (...), da wir in der Ernte auf die Kräfte angewiesen waren, kam es zu dem von Ihnen erwähnten Zwischenfall mit der Bastelschere." 

Abgelaufenes Kantinen-Essen

Nicht der einzige Vorwurf gegen Claus Ritter. Monika Blank hat als Küchenkraft im Betrieb gearbeitet. Die Zutaten des Kantinen-Essens seien immer wieder abgelaufen, aber trotzdem verarbeitet worden. Besonders erinnert sie sich an tiefgefrorene Hähnchen.

"Also das waren diese kleinen Hähnchenkeulen. Die waren im Gefrier 3 Jahre abgelaufen. Die Anweisung war halt, noch mal gut zu waschen. Salz, Pfeffer und gut zu würzen. Damit die Leute das halt nicht merken. Irgendwo hatte man ein schlechtes Gewissen, aber irgendwie denkste Dir: ok, mach es einfach. Weil Du irgendwie immer diesen Druck gekriegt hast. Irgendwann gibst Du es auf und sagst gar nichts mehr dazu. Du nimmst es einfach irgendwie hin."

Ritter weist Vorwürfe zurück

Auch diese Anschuldigungen weist Claus Ritter auf Anfrage des WDR zurück. Es habe immer gutbürgerliches Essen gegeben, das neben den Erntehelfern auch die anderen Angestellten und seine Familie sowie er selbst gegessen hätten.

Claus Ritter.

Claus Ritter weist die Vorwürfe zurück

Feldarbeiter protestieren

03:09 Min. Verfügbar bis 19.05.2021

Eine Halle des Spargelhofs Ritter mit einer Erdbeerfigur auf dem Dach.

Halle des Spargelhofs

Und auch der Zoll taucht mehrfach auf dem Hof auf. Interne Papiere, die dem WDR vorliegen, belegen, dass es eine Durchsuchung auf dem Hof in Bornheim und auch im Einfamilienhaus der Ritters in Bonn gegeben hat. Den Erntehelfern soll Lohn vorenthalten worden sein, so dass sie nicht nach Hause fahren konnten. Im Bericht heißt es, Zitat: "In Zusammenhang mit verzögerten Lohnzahlungen wurden die Beschuldigten und der Rechtsanwalt auf den Nötigungstatbestand hingewiesen, da Arbeitnehmer wegen der fehlenden Entlohnung nicht in ihr Heimatland abreisen können.“

Gefälschte Papiere für Sozialversicherung

Noch brisanter dürfte für die Eheleute Ritter der Fund eines Stoffbeutels mit Stempeln und Siegeln sein. Die Erntehelfer dürfen in Deutschland in einem Zeitraum von 90 Tagen pro Jahr sozialversicherungsfrei arbeiten. Ursula Heß sagt, auf dem Hof habe es ein eigenes System gegeben. Mit den Stempeln aus Rumänien sollen Formulare gefälscht worden sein, um diese Regel zu umgehen.

Rumänische Erntehelfer dürfen unter bestimmten Voraussetzungen in einem Zeitraum von 90 Tagen pro Jahr sozialversicherungsfrei in Deutschland arbeiten. Ursula Heß hat die Anmeldung der Rumänen auf Anweisung von Sabine Ritter bearbeitet. Sie sagt, auf dem Hof habe es ein eigenes System gegeben: "Die fahren dann nach Hause nach ihren 90 Tagen, weil sie auch die Familie mal sehen möchten und kommen dann mit nem anderen Ausweis und anderen Papieren aber selber wieder und sind dann halt unter anderem Namen wieder für 90 Tage hier."

Auch mit diesem Vorwurf haben wir Claus Ritter konfrontiert, aber keine Antwort erhalten. Offenbar wusste er, wie brisant der Fund der Siegel und Stempel war. Laut Zollbericht hat er noch während der Zollkontrolle versucht, die Stempel zu entsorgen - ohne Erfolg. Nach Informationen von WDR und General-Anzeiger ermittelt die Staatsanwaltschaft Bonn bereits seit zwei Jahren gegen die Eheleute Ritter wegen Steuerhinterziehung und Sozialversicherungsbetrug.

Dieser Artikel wird laufend aktualisiert.

Proteste bei Spargel Ritter 02:43 Min. Verfügbar bis 20.05.2021

Stand: 08.06.2020, 13:37

Weitere Themen