Düsseldorfer Juden diskutieren über Ausreise

Die Synagoge am Paul-Spiegel-Platz in Düsseldorf

Düsseldorfer Juden diskutieren über Ausreise

  • Düsseldorfer Juden diskutieren über Ausreise
  • "Politische und gesellschaftliche Tendenzen höchst alarmierend"
  • Zahl antisemitischer Strafttaten in NRW nimmt zu

Michael Szentei-Heise, Direktor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, und sein Gemeindevorsitzender Oded Horowitz reden nicht drumherum: Die zu beobachtende Tendenz in der politischen und der gesellschaftlichen Landschaft sei höchst alarmierend. In der Gemeinde diskutiere man deshalb über die Frage, wann der Zeitpunkt sei, Deutschland zu verlassen, bestätigte Szentei-Heise am Mittwoch (13.11.2019) dem WDR.

"Die Katastrophe zeichnet sich am Horizont ab"

Horowitz hatte das Thema auch in seiner Rede zum Gedenken an die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 aufgegriffen. "Ich habe bereits die Auffassung gehört, dass wir uns im Augenblick vergleichbar in der Zeit zwischen 1930 und 1933 befinden." Die Katastrophe zeichne sich am Horizont bereits ab, aber noch könnten Juden das Land geordnet verlassen; so sei es damals auch gewesen.

Horowitz weiter: "Die nächste Zäsur werden die Bundestagswahlen 2021 sein; es ist nicht sehr schwer zu prognostizieren, dass die AfD in der Wählergunst weiter steigen wird und die demokratischen Parteien der Mitte marginalisiert werden."

Deutschland verlassen?

Vor dem Hintergrund der Geschichte sagte er: "Wenn wir als Funktionäre von jüdischen Gemeinden verantwortlich handeln wollten, müssten wir unseren Mitgliedern dringend ans Herz legen, Deutschland zu verlassen, solange es noch geht." Aber das tue man noch nicht. Noch habe man das Vertrauen in den nichtjüdischen Teil der Gesellschaft nicht verloren.

Auch Oberbürgermeister Thomas Geisel reagierte auf die Besorgnis: "Ich bedauere es zutiefst, dass Mitglieder unserer jüdischen Gemeinde - wie jetzt ihr Vorsitzender Oded Horowitz - den Eindruck haben, dass diese dunklen Zeiten kurz bevorstehen. Aus meiner Sicht haben wir diese Verhältnisse bei uns noch nicht und wir müssen alles daran setzen, dass das auch so bleibt", sagte er.

2000 war die Resonanz eine andere

Szentei-Heise erinnert an das Jahr 2000. Damals explodierten Brandsätze im Eingang der Düsseldorfer Synagoge. Der Sachschaden war gering, verletzt wurde niemand - aber die Tat galt als schlimmes Symbol für rechte Attacken gegen jüdische Einrichtungen. "Die Resonanz und das Mitgefühl in der Bevölkerung waren groß." Am Tag danach kam Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Anfang Oktober 2019 versuchte ein schwer bewaffneter Mann, in die Synagoge von Halle einzudringen, um dort ein "Massaker" anzurichten. Er schaffte es nicht in die Synagoge. Er erschoss dann aber auf der Straße zwei Menschen und verletzte mehrere Personen.

Anders als im Jahr 2000 in Düsseldorf kam nach dem Anschlag in Halle nicht die Bundeskanzlerin, sondern Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. An die Gesellschaft gerichtet sagt Szentei-Heise: "Wir haben nicht das Gefühl, dass genügend Menschen dagegen aufstehen." Sie billigten die Taten durch ihr Schweigen - seien abgestumpft, auch durch Hassreden im Netz.

Zahl antisemitischer Straftaten steigt

Parallel dazu steigt die Zahl antisemitischer Straftaten in NRW - wenn auch nur leicht. Im ersten Halbjahr 2019 wurden in Nordrhein-Westfalen laut Innenministerium insgesamt 96 antisemitische Straftaten erfasst; im ersten Halbjahr 2018 waren es 89.

"Antisemitismus als Phänomen wird noch gar nicht verstanden"

WDR 5 Mittagsecho 13.11.2019 05:31 Min. Verfügbar bis 12.11.2020 WDR 5

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Stand: 14.11.2019, 09:46