Missbrauch durch Pfarrer: Straße und Platz in Dormagen sollen umbenannt werden

Missbrauchsopfer Regina Schwenke aus Berlin

Missbrauch durch Pfarrer: Straße und Platz in Dormagen sollen umbenannt werden

Über 80 Jahre ist Regina Schwenke, als sie ihr Schweigen um den Missbrauch durch einen Dormagener Pfarrer bricht. Jetzt reagiert die Stadt Dormagen darauf. Im Gespräch mit dem WDR erzählt sie, was ihr widerfahren ist.

"Ich war noch ein Kind, elf Jahre alt", sagt die 83-jährige Regina Schwenke. Sie kam in den Sommerferien 1949 im Rahmen einer Kinderlandverschickung aus dem zerstörten Berlin nach Dormagen. Schwenke hatte sich eigentlich auf die Zeit im Rheinland gefreut.

Sie war bei einer Familie untergebracht, die dem Pfarrer Biesenbach nahestand. Während ihres Aufenthalts soll der Pfarrer ihr gegenüber Dutzende Male übergriffig geworden sein. Schon die erste Begegnung sei komisch gewesen, erzählt Schwenke. Der Pfarrer habe die damals 11-Jährige auf die Wange geküsst. Es kam zu weiteren Missbrauchsfällen, bei einer Fahrradtour, im Kirchturm, unter dem Tisch. "Der Gastfamilie konnte ich mich nicht anvertrauen."

Der beschuldigte Pfarrer, Gustav Biesenbach, war von 1906 bis zu seinem Tod 1952 in der St. Aloysius-Gemeinde im Ortsteil Stürzelberg tätig. Sein Grab liegt auf dem Friedhof in Stürzelberg.

Pfarrer will Straße jetzt umbenennen

Straßenumbennennung nach Mißbrauchs-Fall in Dormagen

Seit einigen Monaten stehen der heute zuständige Pfarrer Klaus Koltermann und Regina Schwenke schon in engem Kontakt. Koltermann hat bereits einen Antrag auf Umbenennung der Straße gestellt. Das sei für das Opfer wichtig, so Koltermann: "Das ist ja eine Wunde in der Seele, die wie ein Schleier über ihrem Leben liegt. Und wenn sie dann erfährt, aha, der Täter hat eine solche Ehrung mit Platz und Straße, dann lässt ihr das auch keine Ruhe."

Platz hat wichtige Bedeutung für Stürzelberg

Der Gustav-Biesenbach-Platz liegt wenige hundert Meter von der Kirche entfernt. Wer nach Stürzelbach will, muss hier vorbei. Bei der jährlichen Fronleichnamsprozession halten die Gläubigen an dem Platz an, bauen einen Altar auf.

Dormagens Bürgermeister Erik Lierenfeld will den Antrag "wohlwollend" prüfen, heißt es aus dem Rathaus. Über eine Umbenennung müsste final der Dormagener Planungs- und Kulturausschuss entscheiden.

Koltermann kritisiert Kölner Erzbischof Woelki erneut

Der heutige Pfarrer Klaus Koltermann gilt als scharfer Kritiker des Erzbistums Köln und Kardinal Woelki. Er forderte erneut einen anderen Umgang mit den Opfern des jahrzehntelangen Missbrauchs. "Wenn die Kirche den Anspruch hat, auf der Seite der Schwachen stehen zu wollen, dann muss sie Vorreiter sein. Das kann ich leider nicht erkennen und deswegen werde ich auch nicht klein beigeben."

83-Jährige will nicht länger schweigen

Regina Schwenke will anderen Opfern Mut machen, nicht länger zu schweigen. Die Kirche hat den Missbrauch inzwischen anerkannt und ihr eine kleine Entschädigung gezahlt.

Doch das Geschehene begleitete sie ihr ganzes Leben. Sie habe Berührungsängste gehabt - auch gegenüber ihrem Mann. "Ich habe mir lange selber die Schuld gegeben." Für sie fühlt sich das Sprechen über den Missbrauch wie eine Befreiung an. „Ich kann meine Enkel umarmen, ich kann denen trotz Corona auch einen Kuss geben – das war vorher schwierig."

Straßenumbennennung nach Mißbrauchs-Fall in Dormagen

Pfarrer Koltermann am Gustav-Biesenbach-Platz, der einen neuen Namen erhalten soll.

Stand: 28.07.2021, 17:32