Digitale Kommunen: Auch Spitzenreiter Bonn patzt

02:33 Min. Verfügbar bis 27.07.2023

Digitale Kommunen: Auch Spitzenreiter Bonn patzt

Stand: 27.07.2022, 13:00 Uhr

Bis Ende 2022 sollen Bürger alle Anträge bei Behörden online einreichen können. Das schaffen selbst Städte nicht, bei denen die Digitalisierung weit fortgeschritten ist.

Von Sebastian Tittelbach

Vor dem Bonner Dienstleistungszentrum bestätigt sich der Eindruck, dass Behördengänge nicht zu den Dingen gehören, worauf man sich besonders freut. Eine Kundin erzählt, dass sie extra aus Sprockhövel nach Bonn gekommen ist, um ihre Mutter umzumelden. Ein junger Familienvater hätte sich wegen der steigenden Corona-Infektionen gerne den Gang aufs Amt erspart. 

Großes Angebot: Von Hundesteuer bis Karnevalsumzug

Was viele nicht wissen: Vieles geht bei der Bonner Stadtverwaltung längst digital. 190 verschiedene Dienstleistungen kann man in Bonn vom Sofa aus erledigen, von der Hundesteuer bis zur Anmeldung von Karnevalsumzügen. Am häufigsten werde der Bewohnerparkausweis nachgefragt, sagt David Adler vom Personal- und Organisationsamt der Stadt: "Der kann ganz bequem von zu Hause beantragt und bezahlt werden und kommt dann per Post."

Analyse: Bonn schlägt München und Berlin

Die Fachzeitschrift c't kürte in einer Analyse die Stadt Bonn neben Nürnberg zum deutschen E-Government-Vorreiter. Das sich selbst Metropolen wie München oder Berlin geschlagen geben mussten, überrascht auch Redakteuer Christian Wölbert: "Es zeigt eben auch, dass man mit innovativen Ansätzen und mit einem frühen Start viel bewegen kann." 

Allerdings kann sich Bonn auf dem Spitzenplatz nicht ausruhen. Das Onlinezugangsgesetz schreibt vor, dass Bund, Länder und Kommunen bis spätestens Ende 2022 ihre Verwaltungsleistungen auch elektronisch anbieten müssen. Davon könne auch in Bonn keine Rede sein, räumt David Adler ein: "Wir sind auf einem guten Weg und bauen die Onlinedienstleistungen weiter aus, aber was der Gesetzgeber da gefordert hat, ist bis Ende des Jahres leider nicht zu schaffen." 

Werbekampagne soll E-Goverment in Bonn bekannter machen

Für den Herbst plant die Stadt Bonn eine Kampagne, um die Nachfrage nach digitalen Angeboten zu steigern. Mehr Werbung fordert auch der Verein buergerservice.org, der im Bonner Dienstleistungszentrum Terminals aufgebaut hat. Dort kann man die Funktionen des neuen Personalausweises ausprobieren, von der Anfrage des Punktekontos in Flensburg bis zum Rentenverlauf. Günter Weick von buergerservice.org will Berührungsängste abbauen: "Die Leute merken erst jetzt, was es bedeutet, dass auf dem Personalausweis eine Online-Funktion drauf ist. 70 Millionen Menschen könnten das nutzen. Wir müssen jetzt intensiv Marketing machen." 

"Digitale Anträge sind noch so kompliziert wie Papieranträge"

Redakteur Christian Wölbert sieht noch eine andere große Baustelle beim E-Government. Die Nutzerfreundlichkeit lasse oft zu wünschen übrig: "Bis jetzt sind die digitalen Anträge in der Regel nicht weniger kompliziert als die Papieranträge." Vielfach müssten die persönlichen Daten immer wieder neu eingegeben werden. Außerdem vermisst Wölbert eine Funktion, mit der man Behörden gestatten kann, die persönlichen Daten untereinander auszutauschen.

Bei der Stadt Bonn sieht man auch den Gesetzgeber in der Pflicht. David Adler kritisiert, dass bei einigen Anträgen noch immer die händische Unterschrift vorgeschrieben sei. Dann bleibt es den Nutzern nicht erspart, den Onlineantrag am Ende doch ausdrucken zu müssen.

Über dieses Thema haben wir am 26.07.2022 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit aus Bonn, 19:30 Uhr