Diakonie Wuppertal schafft Grundlagen für "assistierte Sterbehilfe"

Diakonie Wuppertal schafft Grundlagen für 'assistierte Sterbehilfe' 03:11 Min. Verfügbar bis 03.01.2023

Diakonie Wuppertal schafft Grundlagen für "assistierte Sterbehilfe"

Die Diakonie in Wuppertal ermöglicht in ihren Senioreneinrichtungen unter strengen Auflagen die sogenannte "assistierte Sterbehilfe". Dies erlaube ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts.

Wenn ein Heimbewohner oder eine Bewohnerin über einen längeren Zeitraum einen Sterbewillen äußere, dürften Ärzte oder Sterbehelfer jetzt in den Einrichtungen der Diakonie Wuppertal beim Suizid assistieren. Sie könnten etwa tödliche Substanzen besorgen. Einnehmen müssten die Sterbewilligen diese aber selbst. Diakonie-Beschäftigte dürften dabei nicht assistieren. Sie sollten aber bei einem Beratungsgespräch dabei sein, um sicher zu stellen, dass die Betroffenen tatsächlich sterben wollen.

Ein Interview mit Pfr. Dr. Martin Hamburger, Direktor der Diakonie Wuppertal

Assistierte Sterbehilfe ist in den Senioreneinrichtungen der Diakonie Wuppertal absolutes Neuland. Warum haben Sie dieses Neuland betreten?

Pfr. Dr. Martin Hamburger: Das Bundesverfassungsgericht hat diese Möglichkeit bereits vor zwei Jahren eröffnet.

Dr. Martin Hamburger, Direktor der Diakonie Wuppertal

Dr. Martin Hamburger, Diakonie Wuppertal

Wir haben gesagt: Wir müssen uns darauf vorbereiten. Das ist ein gewagter Schritt, weil wir für das Leben eintreten und nicht für das Sterben. Wir wollen den Menschen so lange wie möglich zur Seite stehen und ihnen helfen, dass sie würdig sterben können – auch ohne Selbsttötung.

Aber wir müssen auch und gerade als christliche Einrichtung darauf reagieren können, falls jemand mit dem Wunsch der Sterbehilfe zu uns kommt. Wir müssen Kriterien haben, dass unsere Mitarbeitenden wissen, woran sie sich halten können, wenn assistierte Sterbehilfe gefordert wird. Bisher war das noch nicht der Fall.

Es gab noch keinen akuten Fall – aber was waren dann die Beweggründe?

Hamburger: Es gab große Verunsicherungen in der Mitarbeiterschaft. Wir haben in unseren Senioreinrichtungen zum Teil Bewohnerinnen und Bewohner, die schon sehr lange bei uns sind. Sie wachsen den Mitarbeitern, die täglich mit ihnen zusammen sind, ans Herz. Und die haben sich gefragt: Was passiert denn, wenn einer der Bewohner so einen Wunsch äußert – was muss ich dann tun?

Und dann haben wir gesagt: Ok, dann gehen wir das mal grundsätzlich an. Wir haben im Frühjahr 2021 mit einem sehr intensiven Gesprächsprozess begonnen, und sind dann jetzt zum Jahresende 2021 zu einem Ergebnis gekommen. Wir sind jetzt darauf vorbereitet, falls dieser Wunsch an uns herangetragen wird.

Assistierte Sterbehilfe ist zwar vom Bundesverfassungsgericht nicht mehr verboten worden, es gibt aber auch noch kein neues Gesetz, das sie regelt. Arbeiten Sie bis dahin in Eigenverantwortung?

Das "Sterbehilfe-Set", das in belgischen Aphotheken erhältlich ist

Hamburger: Das ist grundsätzlich nicht so problematisch: Das Bundesverfassungsgericht hat ein anderes Gesetz kassiert, das verboten hat, gewerbsmäßig dem Suizid zu assistieren. Das Bundesverfassungsgericht hat damit den Gesetzgeber beauftragt, etwas Neues zu schaffen.

Aber wir sind trotzdem nicht in einem rechtsfreien Raum: Der autonome Mensch hat das Recht zu sagen: Ich möchte gerne sterben, und ich möchte, dass mir jemand hilft. Die Frage ist nur: Wie wird das organisiert? Und ist es dann auch wirklich notwendig, dass der Mensch sich dann auch selbst tötet – oder können wir es nicht doch noch verhindern? Wir wollen natürlich dem Menschen so zur Seite stehen, und ihm alles ermöglichen, dass er sein Leben auf natürlichem Wege zu Ende bringen kann.

Das Interview führte Marco Lombardo

Stand: 05.01.2022, 09:45