Der Mühlenwächter von Deutz

Der Mühlenwächter von Deutz

Stand: 09.02.2022, 19:59 Uhr

Wo einst huntertausende Tonnen Mehl gemahlen wurden, sollen in Zukunft Menschen wohnen können. Doch bis es soweit ist, hat Björn Weranek hier das Sagen und schon jetzt seinen Traumjob gefunden.

Von Martin Rosenbach

Er läuft manchmal 35 Kilometer am Tag. Nur durch die alte Mühle. Hier wurden einst bis zu 380.000 Tonnen Mehl jedes Jahr gemahlen. Mitten in Köln. Björn Weranek ist Objektbetreuer und schaut nach dem Rechten. Der 46-jährige ist verantwortlich für die unter Denkmalschutz stehenden leeren Gebäude der riesigen Ellmühle am Köln-Deutzer Hafen.

„Nie nach oben schauen und laufen!“

Der Mühlenwächter von Deutz

Björn Weranke kennt "seine" Mühle wie kaum ein anderer.

Im vorigen Sommer wurde der Betrieb eingestellt und die allermeisten Geräte abgebaut. Der seltsame offene Paternoster – der steht noch. Aber ansonsten sind es lange offene Etagen, oft durchlöchert. Hier verliefen noch während der Mehlproduktion die Rohre vom Kornmagazin zum Waschtrog, zur Mahlmaschine und weiter zu den Silos. Der Mühlenwächter rät jedem: „Nie nach oben schauen und laufen!“ Das könnte nämlich tödlich sein. Auch wenn die Dimensionen, die Raumhöhen und die verbauten Betonmassen den Besucher staunen lassen – der Blick muss Richtung Fußboden gerichtet werden. Zu groß sind die Aussparungen in den Decken, zu tief wäre ein Fall in die niederen Regionen des Mühlengebäudes.

Traumjob in imposantem Denkmal

Der Mühlenwächter von Deutz

Björn Weraneks Job ist es, andere Menschen sicher durch das Anwesen zu führen, durch die 85.000 Quadratmeter stillgelegter Industriearchitektur. Er schaut nach Wasserschäden, der Elektrik, aber auch nach Tieren, die sich verirrt haben und nach Obdachlosen. Für ihn ist es ein Traumjob, in dem schmucklosen, aber imposanten Denkmal zu patrouillieren.

Neues Wohnquartier für Deutz

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Die historische Mehlsackrutsche steht wie vieles in der Ellmühle unter Denkmalschutz und muss in das Wohnbauprojekt integriert werden.

Die beiden über 110 Jahre alten Mühlen, die im Laufe der Jahrzehnte baulich zusammengewachsen waren, bilden heute das Herzstück für ein ganz außergewöhnliches Bauprojekt: Das neue Wohnquartier am Deutzer Hafen. Es soll die größte Baustelle Europas werden. Die weithin sichtbare Ellmühle darf nicht abgerissen, sondern nur baulich verändert werden. Das wird Jahre dauern. In der Zwischenzeit muss der gigantische Bauriegel am Hafenbecken bewacht, verwaltet und in Schuss gehalten werden. So kam Björn Weranek als Mühlenwächter von Deutz zu seinem Job. Der gelernte Betonbaumeister interessiert sich für die Geschichte der heute entkernten Ellmühle. In der weitläufigen Architektur hat er einen abgesicherten Parcours für Besuchergruppen abgesteckt. An Infopoints erläutert er die Baugeschichte.

Spektakulärer Ausblick

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Besonders gern führt er die Interessierten auch ins oberste Geschoß, das einen neuen Blick auf Köln bereithält. Hier sollen große Wohnungen entstehen.

Der Blick auf die Schokoladenseite der Stadt mit Altstadt und Dom soll einmal solvente Immobilienkäufer anlocken. Doch bis das Bauprojekt fertig ist, passt Björn Weranek auf, dass alles intakt bleibt in der großen Ellmühle, die einst halb Europa mit Mehl versorgte.

Momentan gibt es keine Führungen von Björn Weranek durch die Ellmühle, weil aktuell erste Baumaßnahmen stattfinden. Aber schon bald werden Besuchergruppen wieder willkommen sein.

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