Warum ein Coming-out immer noch schwierig ist

Montage: Logo des CSD in Köln 2018, Coming out in DEINEM style, Regenbogenfahne

Warum ein Coming-out immer noch schwierig ist

  • CSD-Wochenende in Köln
  • Motto soll Mut zum Coming-out machen
  • Interview mit Jürgen Piger vom Jugendtreffpunkt anyway

Das Motto des diesjährigen CSD in Köln lautet "coming out in DEINEM style" und soll jungen Menschen Mut machen. Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Piger berät und begleitet im Jugendtreffpunkt "anyway" homo-, bi- und transsexuelle Jugendliche.

WDR.de: Wie schwer ist ein Coming-out für junge Menschen heute?

Jürgen Piger, Leiter des Jugendzentrum Anyway in Köln

Jürgen Piger

Jürgen Piger: Das ist ganz unterschiedlich. Das hängt zum Beispiel davon ab, ob man in der Stadt oder auf dem Land aufwächst.

Auch der kulturelle und der religiöse Hintergrund spielen eine Rolle.

Wichtig ist auch, welche Familie dahintersteckt. Einige reagieren recht locker, andere haben ein Problem.

WDR.de: Was hat sich im Verlauf der letzten Jahre verändert?

Piger: Im Grunde ist das Coming-out der Jugendlichen immer noch wie vor 20 Jahren. Weil die homo-, bi- oder transsexuellen Jugendlichen immer einer Minderheit angehören. Sie fühlen sich alleine und wissen nicht, wie die Eltern und das Umfeld reagieren.

Aber wir merken, dass Jugendliche sich jetzt früher outen und dass viele Coming-outs gut verlaufen. Die meisten Jugendlichen erkennen mit 13 Jahren ihre sexuelle Orientierung und mit 16 Jahren haben sie eine Sicherheit. Und in dieser Zeit machen sie es meist mit sich alleine aus.

Coming-Out-Filme: Vorurteile abbauen, Vorbilder finden

WDR 2 | 05.07.2018 | 04:05 Min.

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WDR.de: Sie bieten einen Coming-in-Service an. Was ist das?

Tresen des Cafés im Jugendzentrum Anyway in Köln

Das Café im anyway

Piger: Es gibt Jugendliche, die sich nicht ins "anyway" reintrauen, uns das auch schreiben. Dann treffen wir sie hier in der Nähe, trinken was, reden und gehen dann gemeinsam hier rein.

Wir stellen sie den Thekenkräften vor, vernetzen sie mit einigen Leuten und ziehen uns zurück.

Dieser erste Besuch ist ein bedeutender Moment für sie. Viele wissen immer noch exakt das Datum.

WDR.de: Warum ist das "anyway" so wichtig für die Jugendlichen?

Piger: Hier erfahren sie, dass sie nicht alleine sind, hier sind sie zum ersten Mal in einer Mehrheit. Alles, was sie fühlen, ist normal, weil die anderen es auch fühlen. Endlich nicht mehr anders sein, hier gehören sie dazu.

Man sieht es ihnen auch an: Innerhalb von drei, vier Wochen lockert sich die Mimik, sie wirken regelrecht befreit.

WDR.de: Sie bieten auch Eltern-Beratungen an. Wie häufig machen sie das?

Piger: Leider viel zu selten. Denn Eltern haben ja auch ein Coming-out. Sie brauchen eine Phase, um sich damit auseinanderzusetzen. Da tut es Eltern gut, sich begleiten zu lassen.

Wir können ihnen auch Ängste nehmen und sagen: Sie haben alles richtig gemacht, sonst wäre Ihr Kind nicht hier. Denn es gehört Selbstbewusstsein und Stärke dazu, hierher zu kommen.

Das Gespräch führte Sabine Tenta.

Stand: 06.07.2018, 06:00