Coronakrise: Das iPad-Dilemma an Schulen

Digitale Schule: Wo bleibt die Bildungs-Gerechtigkeit? Lokalzeit Bergisches Land 11.12.2020 03:08 Min. Verfügbar bis 18.12.2021 WDR Von Petra Dierks

Coronakrise: Das iPad-Dilemma an Schulen

Arme Kinder sollen in der Corona-Krise mit digitalen Endgeräten arbeiten können. Dafür stehen in NRW insgesamt 178 Millionen Euro zur Verfügung. Doch die iPads schaffen neue Probleme.

Arme Kinder sollen in der Corona-Krise mit digitalen Endgeräten arbeiten können. Dafür stellen Bund, Land und Kommunen für NRW insgesamt 178 Millionen Euro zur Verfügung. Doch die iPads, für die sich viele Städte entschieden haben, schaffen nicht mehr Bildungsgerechtigkeit im Land. Im Gegenteil: Sie schaffen neue Probleme.

Teure Geräte angeschafft

Denn mit dem Millionenpaket, das die Landesregierung um zusätzliche 55 Millionen Euro aufgestockt hat, haben viele Kommunen teure I-Pads angeschafft. Diese High-End-Geräte gelten unter Lehrern als robust, datensicher und unschlagbar praktisch in der Handhabung. Der Knackpunkt: Sie kosten zwischen 450 und 750 Euro. Eine kostspielige Investition für alle, die nicht in den Genuss der staatlichen Unterstützung kommen.

Lehrer der an einem Smart-Board etwas verdeutlicht.

Neue Ungerechtigkeiten

In Solingen etwa soll es ab Februar 2021 an zwei Pilotschulen mit dem digitalen Unterricht los gehen. Auch hier sind iPads für benachteiligte Kinder von der Stadt angeschafft worden. Alle anderen Familien aber müssen die teuren Apple-Geräte selbst anschaffen. Das sorgt für Ärger und Unverständnis. Denn bisher durften sie ihre eigenen Tablets anderer Hersteller durchaus benutzen. "Das hat auch einwandfrei funktioniert, auch im ersten Lockdown", sagt Annika Gönner, deren Tochter eine der beiden Pilotschulen besucht. Zwar soll man die Geräte auch monatlich abbezahlen können, und die Schulleitung will ein Kontingent von 100 Leihgeräten für die Familien zur Verfügung stellen, die sich die Geräte nicht leisten können. Doch Annika Gönner kann das nicht überzeugen. "Wir sind absolut dafür, dass die Digitalisierung vorangeht - aber nicht auf Kosten der Eltern."

Fataler Flickenteppich

Dabei ist die Idee, alle Schüler einer Stadt mit demselben Gerät auszustatten, richtig, erklärt Peter Heimann, Bereichsleiter für Schule und Sport in Monheim. Er hat Erfahrung, denn die schuldenfreie Kommune mit rund 43.000 Einwohnern stattet ihre Schüler schon seit 2015 regelmäßig mit iPads aus. "Wenn Sie unterschiedliche Geräte haben, dann ist ein digitaler Unterricht kaum möglich, weil die Geräte nicht kompatibel sind", betont er. Monheim sorgt auch für den langfristigen technischen Support der Schulen. Die Stadt hat einheitliche Lernplattformen geschaffen und organisiert kontinuierlich die Schulung von Lehrern und Schülern.

Portraitfoto von Maike Finnern

Keine Bildungsgerechtigkeit

Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zeigt das Best Practice Beispiel Monheim eines ganz deutlich: "Es ist prinzipiell gut, dass Bund und Länder so viel Geld für die Digitalisierung zur Verfügung gestellt haben. Aber bildungsgerecht ist es nicht", sagt die NRW-Vorsitzende Maike Finnern. Denn das Geld für benachteiligte Schüler ändere nichts an dem grundsätzlichen Problem, dass Bildung im Land keine Priorität habe. So hänge es von der Stadtkasse oder der Politik einzelner Kommunen ab, ob tatsächlich alle die gleichen Chancen bekämen und digitalisierter Unterricht wirklich funktioniere.

Außerdem, so Finnern, sei die Abhängigkeit eines Monopolisten wie Apple mit Vorsicht zu genießen. Dennoch ist sie überzeugt, dass es nur dann Bildungsgerechtigkeit gibt, wenn der Staat alle Schülerinnen und Schüler und alle  Lehrkräfte regelmäßig mit Geräten ausstattet. "Digitale Endgeräte gehören zum Thema Lehrmittelfreiheit. Wenn wir wirklich wollen, dass wir in den Schulen Chancengleichheit zumindest ansatzweise hinkriegen für Schülerinnen und Schüler, dann gehört das auf jeden Fall dazu."

Stand: 14.12.2020, 11:14