Hat die Corona-Politik bei den Altenheimen versagt?

Eingangsbereichs eines Altenheimes.

Hat die Corona-Politik bei den Altenheimen versagt?

Von Fabienne Rink und Tobias al Shomer

In zwei Bonner Pflegeheimen sind große Corona-Ausbrüche bekannt geworden. Über 130 Menschen sind infiziert, davon allein 96 Bewohnerinnen und Bewohner.

Im Haus Elisabeth in Ippendorf sind schon fünf Menschen verstorben. Das ist kein Einzelfall. Ein großer Anteil der Covid-19-Verstorbenen lebte in Pflegeheimen.

Hälfte aller Corona-Toten lebte in Pflegeheimen

Besonders dramatisch ist die Entwicklung seit dem 01. Dezember 2020. In NRW starben bis dahin 4.035 Menschen an oder mit Covid-19. Doch allein im Dezember und Januar verzeichnete die Statistik 6.786 Corona-Todesfälle. Fast die Hälfte (49%) davon lebte in Pflegeheimen.

Grafik So viele der Covid-19-Verstorbenen lebten in Pflegeheimen: Bornheim: 71 %, Hennef: 54 %, Niederkassel: 57 %, Rheinbach: 47 %, Sankt Augustin: 58 %, Siegburg: 80 %, Troisdorf: 26 %, Windeck: 40 %

Die Verteilung im Rhein-Sieg-Kreis schwankt stark.

Wie unterschiedlich die Verteilung in den einzelnen Landkreisen sein kann, zeigt der Rhein-Sieg-Kreis. Im Durchschnitt lebten hier 43 Prozent der Corona-Verstorbenen in Pflegeheimen. In Siegburg waren es aber 80 Prozent, in Bornheim 71 Prozent. Ein Beispiel dort ist das Altenheim Maria Hilf.

Altenheim weist Vorwürfe zurück

Hier lebte die Mutter von Angelika Feuser. Vor fast drei Wochen ist ihre Mutter mit 75 Jahren an Corona gestorben. Angesteckt hat sie sich im Heim. Für Angelika Feuser lag das auch, an den ihrer Meinung nach, unzureichenden Schutzmaßnahmen: "Also ich hätte mir gewünscht sie wären halt auf Corona eingegangen und hätten vielleicht schon früh genug Tests gemacht – Schnelltests."

Das Pflegeheim weist die Vorwürfe auf WDR-Anfrage zurück. Das Personal werde dreimal pro Woche getestet, Besucherinnen und Besucher wenn möglich, so Geschäftsführer Joachim Klein. Fakt ist aber: seit Weihnachten sind hier alleine 12 Senioren an Corona gestorben.

Konflikt unter Experten

Für den Bonner Virologen, Professor Hendrik Streeck, kommen die vielen Corona-Todesfälle in Pflegeheimen nicht überraschend. Seit Monaten fordert er, die Heime besser zu schützen. Das Personal, und zwar alle von der Reinigungkraft bis zum Pfleger, müsse mindestens zweimal pro Woche getestet werden: "Weil man dann, wenn man auch mal einen Eintrag nicht verhindern konnte, eine Weitergabe innerhalb des Heims verhindern kann. Also, dass man die, die infiziert sind und infektiös sind, so schnell wie möglich abschotten kann."

Andere Wissenschaftler sagen, man könne die Heime gar nicht speziell schützen. Das ginge nur, wenn die Zahl der Neuinfektionen insgesamt zurückginge. Hendrik Streeck sieht das anders: "Einfach zu sagen, es geht nicht, ist für mich relativ einfach, weil der andere Bereich, es gezielt zu versuchen, wurde noch gar nicht richtig angeschnitten. Es gibt einige wenige Pflegeheime, die es versucht haben, die es auch hinbekommen haben." Er plädiert dafür beides zu machen: Neuinfektionen senken und Pflegeheime besser schützen.

Grafik So viele der Covid-19-Verstorbenen lebten in Pflegeheimen: Rhein-Sieg-Kreis: 43 %, Bonn: 37 %, Kreis Euskirchen: 53 %, Land NRW: 44,5 %

Rund die Hälfte der Coroa-Toten lebte in Pflegeheimen.

Positive Erfahrungen bei strikten Maßnahmen

In Bonn gibt es Heime, die Hendrik Streecks Empfehlungen schon lange umsetzen, wie zum Beispiel die Residenz Ambiente in Bonn-Endenich. FFP2-Maske und Schnelltest am Eingang sind hier Standard, sagt Heimleiter Manuel Moreira: "Bei uns kommt keiner rein, ohne, dass er einen Abstrich gemacht hat. Bedauerlicherweise haben wir bestimmte Berufsgruppen, die keine Einsicht zeigen. Insbesondere bei den Dienstleistenden, insbesondere auch bei den Hausärzten. Da ist die Einsicht sehr, sehr gering."

Bis heute gab es deshalb in der Residenz keinen einzigen Corona-Fall. Durch die Schnelltests konnten sie aber sieben Infizierte am Eingang entdecken und so Infektionen verhindern.

In Bonn ist die Situation in den Pflegeheimen noch vergleichsweise gut. Von allen Covid 19-Verstorbenen lebten in Bonn rund 37 Prozent in Heimen. Im Kreis Euskirchen sind es 53 Prozent. Die aktuellen, großen Corona-Ausbrüche in zwei Bonner Einrichtungen zeigen jedoch: Die Zahlen können sich schnell ändern.

Stand: 02.02.2021, 14:04

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