Corona in Moers: Interview mit Lungenfacharzt Dr. Thomas Voshaar

Dr. Thomas Voshaar im Interview vor dem Bethanien-Krankenhaus

Corona in Moers: Interview mit Lungenfacharzt Dr. Thomas Voshaar

Der Corona-Ausbruch bei einem Moerser Dönerfleischproduzenten beschäftigt seit dieser Woche viele Menschen in der Region. Im Interview mit WDR-Reporter Michael Jung gibt Lungenfacharzt Dr. Thomas Voshaar vom Bethanien Krankenhauses in Moers eine Einschätzung zur Lage.

Wie bewerten sie das, was im Moerser Dönerfleischbetrieb passiert ist?

Was mir persönlich ganz wichtig ist: Die hygienischen Bedingungen in der Fleischindustrie und auch Werkverträge haben mit der Ausbreitung nichts zu tun. Hier geht es einfach nur um die Ausbreitung dieses Virus und das hat nichts mit den klassischen Hygienemaßnahmen zu tun. Hier geht es um den Atem, weil das Aerosol das Ansteckende ist. Und da geht es nur darum, wo Menschen dicht beieinander sind. Und ich finde, anstatt zu politisieren, sollten wir wirklich wieder zurückkehren zu den wissenschaftlichen und medizinischen Fakten.

Das heißt, man kann die Arbeitsbedingungen ändern und das Risiko sinkt nicht?

Das würde ich prinzipiell erstmal so sagen, ja. Hier geht es vor allem darum, dass Menschen an ihrem Arbeitsplatz sehr dicht beieinander sind, schwer arbeiten müssen, wegen der schweren Arbeit mehr atmen müssen – und natürlich die Maske dann auch schonmal runternehmen. Wir hätten genau so einen Ausbruch ganz außerhalb der Fleischindustrie haben können, wenn die Situation ähnlich gewesen wäre: Viele Menschen relativ eng beieinander stehend und vielleicht in relativ kleinen Räumen.

Wie bewerten sie die Dimension des Ausbruchs in Moers?

Bei dem Ausbruch in Gütersloh mit 1500 Fällen habe ich mal gesagt, das sei ein fetter Ausbruch, aber auch nichts, was uns grundsätzlich beunruhigen muss, weil wir damit rechnen mussten, dass es so etwas gibt. Den Ausbruch in Moers wird man grundsätzlich gut beherrschen.

Was muss man tun, um diesen Ausbruch unter Kontrolle zu kriegen?

Das ist eine sehr gute Frage. Wir mussten ja damit rechnen, dass es so kommt, dass es weitere Spots geben wird. Und das wird auch weiter so laufen. Wir müssen aufpassen, dass daraus nicht eine Welle wird. Man muss jetzt gucken wo die Leute Kontakt hatten, man muss sie in Quarantäne schicken, dazu muss man viel testen. Aber das alles Entscheidende am Ende – und das sage ich ganz deutlich wie ich es meine – ist nicht die Zahl derer, die infiziert sind. Das Wichtigste ist, wie viele von den Infizierten krank werden. Und tendenziell wird das in Deutschland immer weniger.

Die Situation Moers ist insofern anders als in Gütersloh, weil die Beschäftigten hier nicht in Sammelunterkünften leben, sondern verteilt auch in umliegenden Städten leben. Was bedeutet das für die Eindämmung des Coronavirus?

Das bedeutet, dass es falsch ist, diesen Ausbruch – auch in Gütersloh – für politische Ideologien zu benutzen. Noch einmal: Wenn jemand etwas tun will, gegen Werkverträge und die Ausbeutung, gegen schlechte Hygiene, dann soll er das tun. Aber hier geht es um sehr konkrete Fragen zur Ausbreitung eines Coronavirus. Im Fall Moers haben die Menschen ordentliche Unterkünfte und es ist trotzdem zu einem Ausbruch gekommen. Das spricht genau für das, was ich die ganze Zeit versuche zu erklären. Bestimmte Situation und Arbeitsverhältnisse – auch ein Konzertsaal mit tausenden dicht gedrängten Menschen und schlechter Belüftung – können die Ausbreitung begünstigen.

Jetzt beginnen die Sommerferien. Es ist jetzt schon so, dass Menschen aus NRW in manchen Bundesländern in Ferienunterkünften ein Attest vorlegen müssen. Müssen wir uns Sorgen machen?

Sorgen helfen nicht weiter, Angst ist ein schlechter Ratgeber und Panik ist der allerschlechteste Ratgeber. Alle Leute müssen mal wieder zur Ruhe kommen und vernünftig sein. Einen Persilschein wenn wir in den Urlaub fahren halte ich persönlich für überflüssig. Ich würde darauf verzichten. Ich würde auch einem nächsten Lockdown, wenn er anstehen würde in Moers, nicht zustimmen und ich glaube auch, dass man in Gütersloh keinen braucht. Das geht mit Vernunft und Schutz der Risikogruppen vollkommen ausreichend.

Stand: 26.06.2020, 17:25