Heinsberg-Studie: Corona-Dunkelziffer deutlich höher

Ortsschild von Gangelt

Heinsberg-Studie: Corona-Dunkelziffer deutlich höher

  • Ergebnisse der Heinsberg-Studie veröffentlicht
  • Infektionsrate bei 15 Prozent
  • Jeder Fünfte zeigte keine Symptome
  • 1,8 Millionen Menschen könnten bundesweit infiziert sein

Vor zwei Wochen bereits hatte die Uniklinik Bonn einen "Zwischenstand" zur sogenannten Heinsberg-Studie vorgestellt. Am Montag (04.05.2020) legte der verantwortliche Virologe Hendrik Streeck nun den Abschlussbericht vor. Demnach könnten sich deutschlandweit bereits 1,8 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben - rund zehnmal mehr als die vom Robert-Koch-Institut bekannt gegebenen registrierten Fälle.

Im Zentrum der Studie stand die Frage nach der Sterblichkeitsrate der Infizierten. Dafür hatte das Forscherteam mehr als 900 Personen aus rund 400 Haushalten in Örtchen Gangelt untersucht. Gangelt im Kreis Heinsberg gilt als "Epizentrum" des Corona-Ausbruchs in Deutschland. Bei einer Karnevals-Veranstaltung hatten sich Dutzende mit dem Virus infiziert.

Viel mehr Menschen infiziert?

Prof. Dr. Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn

These zur Dunkelziffer: Virologe Streeck

Das Ergebnis: 15 Prozent der Untersuchten hatten sich mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt. Die Sterblichkeitsrate liegt laut der Studie bei 0,37 Prozent. Anhand der Zahl der Verstorbenen ließe sich auch für andere Orte mit anderen Infektionsraten abschätzen, wie viele Menschen dort insgesamt infiziert sind, so die These des Virologen. Der Abgleich dieser Zahl mit der Zahl der offiziell gemeldeten Infizierten führe zur sogenannten Dunkelziffer, die in Gangelt rund 5-fach höher sei als die offizielle Zahl der positiv getesteten Personen.

Ausgehend von einer Gesamtzahl von fast 6.700 Corona-Todesfällen in Deutschland, ergäbe sich hochgerechnet eine geschätzte Dunkelziffer von rund 1,8 Millionen Infizierten, so die Bonner Forscher. Das wären zehn Mal mehr als die offiziell gemeldeten Fälle.

Ergebnis nur "Modellrechnung"

"Das kann allerdings nur eine Modellrechnung sein", sagt WDR-Wissenschaftsexpertin Christina Sartori: Das untersuchte Gebiet in Gangelt stelle aufgrund der besonders hohen Zahl von Infizierten auch eine besondere Situation dar. Unter den Infizierten seien mehr ältere Menschen und weniger Kinder als im bundesweiten Durchschnitt. Insofern sei die Zahl von 1,8 Millionen nur eine "Annäherung".

Uni Bonn veröffentlicht Ergebnisse zur Heinsberg-Studie

Lokalzeit2go - Bonn 04.05.2020 03:26 Min. Verfügbar bis 04.05.2021 WDR Bonn

Jeder fünfte ohne Symptome - Abstandhalten wichtig

Die auffälligsten Krankheitssymptome bei Coronainfektionen in Gangelt waren laut Studienleiter Streeck der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. Jeder fünfte Infizierte zeigte allerdings überhaupt keine Symptome. Die Bonner Forscher weisen deshalb auf die Wichtigkeit von Abstands- und Hygieneregeln hin: "Jeder vermeintlich Gesunde" könne das Virus in sich tragen.

In den untersuchten Mehrpersonen-Haushalten war laut der Studie das Risiko für die Ansteckung einer weiteren Person allerdings überraschend gering. Die Infektionsraten bei Kindern, Erwachsenen mittleren Alters und älteren Menschen sind ähnlich hoch. "Die Infektionsraten sind bei Kindern, Erwachsenen und Älteren sehr ähnlich und hängen offenbar nicht vom Alter ab", sagt Streeck. Das hatte bereits eine vor wenigen Tagen veröffentlichte andere Studie festgestellt.

Kritik an Zwischenergebnissen der Heinsberg-Studie

Welche Schlüsse nun aus den Studienergebnissen gezogen werden, sei Sache "der Gesellschaft und der Politik“, erklärte Streeck. Die Präsentation der Zwischenergebnisse in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am 09.04.2020 hatte den Forschern zuvor viel Kritik eingebracht. Unter anderem wurden die Immunitätswerte und die Datenlage hinterfragt. Auch die Beziehungen zwischen dem Verfasser der Studie Streeck, der Landesregierung und einer PR Agentur hatten Fragen aufgeworfen.

Einfluss der Wirtschaft auf Corona-Lockerungen

WDR 5 Westblick - aktuell 24.04.2020 06:53 Min. Verfügbar bis 24.04.2021 WDR 5 Von Marc Steinhäuser

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Stand: 04.05.2020, 16:20