"Colours of Change" in Köln: Giannis Kampf gegen Diskriminierung

"Colours of Change" in Köln: Giannis Kampf gegen Diskriminierung

Von Britta Kuck

  • "Colours of Change"-Initiator Gianni Jovanovic im Interview
  • Kundgebung findet am Sonntag am Rudolfplatz in Köln statt
  • Mehr Solidarität mit nicht-weißen Mitgliedern der Queer-Community

Als er vier Jahre alt war, überlebte er schwer verletzt einen Bombenanschlag auf seine Roma-Familie. Mit 14 wurde Gianni Jovanovic zwangsverheiratet, mit 16 Vater. Als er Anfang 20 war, outete er sich. Heute ist der 42-Jährige Mitinitiator der Kundgebung "Colours of Change" gegen Alltagsrassismus, die am Sonntag (05.07.2020) in Köln stattfindet.

WDR: Wie gehen Sie mit Mehrfachdiskriminierung um?

Gianni Jovanovic: Psychotherapie ist ganz wichtig. Man braucht Menschen, die einem zuhören, damit man erst mal sein darf. Und es ist wichtig, dass man rassistische oder homophobe Gewalt anzeigt, damit die Mehrheit es auch versteht.

Und wenn wieder Gewalt droht, muss auch eine gewisse Form von Selbstschutz stattfinden, damit man sich vielleicht auch selbst aus der Situation herausmanövriert. In bestimmten Kreisen werde ich auch mit Fragen konfrontiert, die für mich sehr unangenehm sind.

WDR: Welche Fragen sind das?

Jovanovic: Zum Beispiel, wo ich herkomme. Oder sie sagen: "Für einen Roma bist du ja total nett." Oder: "Wie du bist schwul? So siehst du gar nicht aus." Ich habe auch schon heterosexuelle Frauen sagen hören: "Ach Gianni, wenn du nicht schwul wärst, könnte ich mir vorstellen, mit dir zusammen zu sein und Kinder zu machen."

WDR: Wie stehen Sie zur Opferrolle?

Gianni Jovanovic (Initiator) und Oyindamola Alashe (Moderatorin) unterhalten sich vor der "Colours of Change" Kundgebung in Köln

Initiator Gianni Jovanovic und Moderatorin Oyindamola Alashe

Jovanovic: Ich kann heute sagen, dass ich kein Opfer bin. Im Gegenteil. Ich bin jemand, der sehr selbstbestimmt ist und sehr frei in seinem Denken und Handeln. Wobei ich da immer Acht gebe, dass ich dem Gegenüber mit Respekt entgegenkomme. Das ist mir besonders wichtig.

Dass es Opfer von Rassismus, Ausgrenzung und Zwangsverheiratungen immer noch auf dieser Welt gibt, das ist Fakt, das will ich gar nicht bestreiten. Ich persönlich kann aber von mir sagen, dass ich diese Opferrolle nicht bediene, sondern als starke Persönlichkeit durch mein Leben reise.

WDR: Sind Sie gut im Vergeben?

Jovanovic: Oh ja, das kann ich. Ich vergesse zwar nicht und das bleibt natürlich irgendwo sitzen, in deinem Inneren. Man vergibt nicht nur den anderen, sondern auch ein Stück weit sich selbst, um sich zu sagen: "Ich konnte in dem Moment nicht anders und musste das ertragen."

Ein Mann lächelt in die Kamera

Gianni Jovanovic ist Mitinitiator der Kundgebung "Colours of Change"

Ich habe erkannt, dass ich in vielen Situationen - gerade auch, als ich zwangsverheiratet wurde - gar nicht anders konnte. Das hat mich im Nachhinein auch geärgert und da hab ich mir gesagt: "Hättest du bloß damals etwas getan, dann wäre das nicht passiert." Ich verstehe aber die Umstände und die Ursachen, warum das passiert ist, und habe jetzt das Gefühl: "Ich verzeih dir! Ich nehme dich an!"

WDR: Wie reagieren Sie, wenn Sie im Restaurant auf der Speisekarte lesen: "Zigeunerschnitzel"?

Jovanovic: Es gab schon Momente, wo ich zum Restaurantbesitzer gesagt habe: "Finden Sie das gut, dass dieses Gericht hier auf der Speisekarte steht?" Aber du musst ja dann den Leuten deine gesamte Geschichte erzählen und darauf hab ich keinen Bock in meiner Freizeit. Ich mach das dann ganz pragmatisch und streiche anonym mit dem Kugelschreiber "Zigeuner" durch. (lacht)

Stand: 05.07.2020, 06:00

Weitere Themen