Leben am Chempark Leverkusen - warum gibt es keinen Sicherheitsabstand?

Leben am Chempark Leverkusen - warum gibt es keinen Sicherheitsabstand?

Von Claudia Wiggenbröker

In einem Chemiestandort wie dem Chempark in Leverkusen wird mit gefährlichen Substanzen gearbeitet. Trotzdem leben die Anwohner dort weniger als einen Kilometer entfernt. Ist das zu nah, fragen sich viele nach der Explosion und der Rauchwolke am Dienstag.

Winfried Block hat "keinen Appetit mehr" auf das Gemüse, das er in seinem Garten angepflanzt hat. Denn der liegt nahe des Chempark Leverkusen, wo es am Dienstagmorgen eine Explosion gab und anschließend eine riesige Rauchwolke über das Gebiet zog. Block ist froh, dass er überhaupt die Information bekommen hat, dass der Verzehr seines Gemüses nun bedenklich sein könnte.

Seine Frau Petra zweifelt daran, dass sie den eigenen Anbau überhaupt noch verwerten können: "Ich weiß nicht, ob ich es noch essen werde." Schließlich könnte es sein, dass die Rußpartikel, die in der Umgebung des Chemparks herunterkamen, krebserregend sind.

Zumindest geht das Landesumweltamt derzeit davon aus, dass "über die Rauchwolke Dioxin,- PCB- und Furanverbindungen in die umliegenden Wohngebiete getragen wurden". Wohngebiete, die teils weniger als einen Kilometer entfernt von dem Chemie-Standort sind.

Nur 800 Meter entfernt vom Explosionsort in Leverkusen

Die ersten Häuser von Leverkusen-Bürrig befinden sich rund 800 Meter östlich vom Explosionsort. Leverkusen-Wiesdorf im Süden ist ähnlich nah. Der Kölner Stadtteil Merkenich liegt westlich in etwa 1,5 Kilometer Entfernung. Im Norden liegt Leverkusen-Rheindorf in knapp 1,5 Kilometer Luftlinie zum Unglücksort.

Viola Wohlgemuth von der Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisiert, dass es Abstandsregeln für Windräder gibt - aber für Chemiestandorte nicht. "Deshalb ist die Frage: Müssen potentiell gefährliche Standorte so nah an Millionenmetropolen sein?"

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Verband: Chemieparks historisch gewachsen

Für Windräder könne man Sicherheitsabstände präzise berechnen, sagt Thilo Hoechst, Experte für Anlagensicherheit beim Verband der Chemischen Industrie VCI. Bei einer Chemie-Anlage sei dies aber aufgrund der "unterschiedlich gehandhabten Stoffe sehr unterschiedlich".

Auch das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) erklärt, dass der angemessene Sicherheitsabstand "im jeweiligen Einzelfall anhand störfallspezifischer Faktoren" ermittelt werden muss. Einheitliche Regelungen gibt es also nicht.

Auch die Geschichte spielt eine Rolle dafür, dass es keine geregelten Abstände gibt. "Wir reden hier über eine historisch gewachsene Gemengelage", sagt Hans-Jürgen Mittelstaedt, Geschäftsführer vom NRW-Landesverband des VCI. Zunächst seien die Chemieparks an den Wasserstraßen entstanden. Die Städte wären daraufhin gewachsen, da Mitarbeiter möglichst nah an ihrem Arbeitsplatz leben wollten.

In Leverkusen wurde das Anfang des 20. Jahrhunderts sogar forciert. Die Geschichte des Chemie-Standorts begann mit dem Umzug der Firma Bayer, die es von der Wupper an den Rhein trieb. Allerdings waren nicht alle Mitarbeiter gewillt, diesen Weg mitzugehen. So lockte Bayer Arbeiter und Angestellte mit Mitarbeiterwohnungen, wie der Opladener Geschichtsverein schreibt.

Standards hoch - Unfälle aber immer möglich

Ulrich Quass vom LANUV meint, dass sich Anwohner von Chemieparks heute nicht grundsätzlich Sorgen machen müssen. "Die Chemieindustrie gehört zu den sichersten Industrien. Die Standards sind extrem hoch." Aber natürlich könnten immer Unfälle passieren.

Explosion im Chempark: "Noch nie erlebt"

WDR 5 Morgenecho - Interview 29.07.2021 06:35 Min. Verfügbar bis 29.07.2022 WDR 5


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Würde man die Betriebsstunden mit der Zahl der Unfälle in Relation setzen, fallen Letztere gering aus, sagt auch Chemiker Andreas Hoischen von der Uni Paderborn. Zudem würden immer wieder Kontrollen stattfinden, auch "im laufenden Betrieb". Es gebe nur wenige Vorfälle, bei denen die Bevölkerung außerhalb des Chemieparks betroffen sei.

Doch das ist dieses Mal der Fall. Denn noch müssen die Menschen im Dunstkreis des Chemparks Leverkusen vorsichtig sein: Sie sollten nicht mit den Rußpartikeln in Berührung kommen. Ist die Schadstoff-Konzentration in diesen hoch, können gesundheitliche Schäden folgen. Denn bei einem Brand von chlorhaltigen Lösungsmitteln können unter anderem Dioxinverbindungen entstehen.

Ob von den Partikeln eine Gefahr ausgeht, wird derzeit noch im Essener Dioxin-Labor des LANUV geprüft. Analysenergebnisse werden aber frühestens Freitag vorliegen.

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Stand: 28.07.2021, 19:25