Currenta pumpt seit Jahren zu viel giftige Stoffe in den Rhein

Stand: 23.02.2022, 12:20 Uhr

Eigentlich sollen Klärwerke pro Tag höchstens 35 Gramm der giftigen PFAS-Chemikalien in Flüsse einleiten. Doch WDR-Recherchen zeigen: Das Klärwerk des Chemparks Leverkusen pumpt zeitweise die hundertfache Menge in den Rhein.  

Von Oliver Köhler

Die Kläranlage Leverkusen Bürrig steht nur wenige Hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem im Juli vergangenen Jahres ein Tank mit Sonderabfällen explodiert war. In dem Klärwerk wird das gesamte Abwasser des Chemparks Leverkusen behandelt, bevor es schließlich in den Rhein fließt. Im Abwasser werden alle vorgeschriebenen Grenzwerte eingehalten, betont der Chempark-Betreiber Currenta.

Werte werden regelmäßig überschritten

Allerdings gibt es für PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) keine Grenzwerte. Weil diese Substanzen aber als besonders umweltschädlich eingestuft werden und möglicherweise Krebs erregen können, hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Orientierungswerte festgelegt. Danach gilt für PFAS-Verbindungen im Abwasser eine Konzentration von 1 Mikrogramm pro Liter Wasser oder von 35 Gramm pro Tag.

Recherchen der WDR Lokalzeit Köln aber ergeben: Die PFAS-Werte im Abwasser der Kläranlage Bürrig überschreiten diese Orientierungswerte regelmäßig sehr deutlich. Das bestätigen auch Berechnungen der Umweltorganisation BUND. So zeigen die Werte der letzten vier Jahre, dass an keinem Tag der vorgegebene Wert von 35 Gramm pro Tag am Ablauf der Kläranlage eingehalten worden ist.

"Nahezu an jedem Tag wird der Wert um den Faktor Hundert oder mehr überschritten“. Paul Kröfges
Wasserexperte des BUND

Statt höchstens 35 Gramm pro Tag leitet die Kläranlage Bürrig an Spitzentagen mehr als 3 Kilogramm der schädlichen PFAS-Verbindungen in den Rhein. Für den Fall, dass Orientierungswerte nicht eingehalten werden, sieht das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Konsequenzen vor: „Bei Überschreitung erfolgt eine Ursachenermittlung, und es werden Gegenmaßnahmen eingeleitet.“

Kritik an Bezirksregierung Köln

Doch dass die Bezirksregierung Gegenmaßnahmen ergriffen hat, sei anhand der Messwerte nicht erkennbar, so der Wasserexperte des BUND Paul Kröfges. Er kritisiert die Kölner Behörde: „Offensichtlich kommt die Bezirksregierung als Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde ihrer Verpflichtung, aus den gemessenen Werten die Konsequenzen zu ziehen, nicht nach“.

Kläranlage Bürrig

Die Kläranlage in Leverkusen-Bürrig

Die Kölner Bezirksregierung teilt dem WDR schriftlich mit, dass sie zuletzt in den 2000er Jahren darauf hingewirkt habe, dass die PFAS-Fracht im Abwasser des Chemparks reduziert wurde. Vor den Sanierungsmaßnahmen, die in den Jahren 2010 bis 2012 umgesetzt wurden, seien pro Tag noch 35 Kilogramm PFAS in den Rhein geleitet worden, schreibt die Bezirksregierung. Diese Fracht „konnte in der Regel auf weniger als 3 Kg/d (drei 3 Kilogramm pro Tag, Anmerkung der Redaktion) gesenkt werden.

Schadstoffgrenze in Klärwerk überschritten

00:34 Min. Verfügbar bis 23.02.2023


Da die EU nun aber schärfere Regelungen für PFAS plane, wolle die Bezirksregierung erneut handeln. „Mit Blick auf die sich abzeichnende Entwicklung wird die Bezirksregierung das Gespräch mit dem Chemiepark suchen, um nach weiteren Reduzierungsmöglichkeiten zu suchen“.

Auswirkungen von PFAS noch unklar

PFAS-Verbindungen sind Stoffe, die Medizinern zunehmend Sorgen bereiten. Welche Krankheiten diese Substanzen auslösen, ist noch nicht genau erforscht. Wissenschaftler der Uniklinik Bonn sehen aber Anlass zu großer Vorsicht, weil sich diese Stoffe im Körper, unter anderem in der Leber, anreichern.

„In Tierversuchen konnte auch schon festgestellt werden, dass gerade diese Anreicherung in der Leber problematisch ist, dass es giftig ist“, sagt Professor Nico Mutters von der Uniklinik Bonn. Außerdem können PFAS-Verbindungen das Immunsystem beeinflussen: „Impfungen können beispielsweise nicht mehr so gut wirken," sagt Mediziner Mutters. „In hohen Dosen können PFAS in Tierversuchen außerdem krebserregend sein."

In Nordrhein-Westfalen und in den Niederlanden sind mehrere Millionen Menschen auf Trinkwasser aus dem Rhein angewiesen. Wann die Bezirksregierung Köln dafür sorgen will, dass der Chempark Leverkusen statt bisher im Durchschnitt etwa 400 Gramm pro Tag nur noch 35 Gramm der giftigen PFAS in den Rhein leitet, hat die Behörde dem WDR nicht mitgeteilt.

Hinweis: Mehr zu diesem Thema sehen Sie in der WDR Lokalzeit Köln am 23.02.2022 ab 19.30 Uhr.