Bußgottesdienst im Erzbistum Köln sorgt für Aufregung

Domtürme ohne Gerüst

Bußgottesdienst im Erzbistum Köln sorgt für Aufregung

Von Christina Zühlke

Die Einladung des Erzbistums Köln zu einem Bußgottesdienst sorgt für Kritik und heftigen Diskussionsstoff. Nicht nur Betroffene von sexualisierter Gewalt sind irritiert.

„Sehr geehrter Herr Haucke“, so beginnt ein Brief, den Karl Haucke Ende Oktober in seinem Briefkasten fand. Absender: Der Apostolische Administrator des Erzbistums Köln. „Das klingt aber wieder sehr mächtig“, kommentiert Karl Haucke und erinnert sich daran, wie die Kirche ihn schon als Kind so sehr beeindruckte, dass er sich nicht traute, von dem zu berichten, was ihm dort Schreckliches geschah.

Einladung zum Dialog?

Karl Haucke sitzt in einem Konferenzraum des WDR in Köln

Irritiert über die Einladung: Karl Haucke

Als apostolischer Administrator ist es mir ein großes, auch persönliches Anliegen, die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Raum der Kirche voranzutreiben und daraus Konsequenzen zu ziehen.“ So heißt es in dem Brief weiter. Was will der Administator von ihm, fragt sich Haucke, der sich einst im Erzbistum im Betroffenen-Beirat engagiert hatte. Doch als der Kölner Kardinal Woelki ein Gutachten zur Aufklärung nicht veröffentlichte, fühlten er und andere sich instrumentalisiert und verließen den Beirat aus Protest. Kardinal Woelki ist zur Zeit in einer Auszeit. Der Administrator, Rolf Steinhäuser, vertritt ihn. Bietet er nun den Dialog an?

Nein, lernt Karl Haucke schon im nächsten Abschnitt, es soll einen Bußgottesdienst geben. So schreibt es der Verfasser: „Ich möchte dabei öffentlich das schuldhafte Versagen so vieler Verantwortlicher der Kirche bekennen.“ Ein Gottesdienst? Karl Haucke ist auch Stunden nach Erhalt des Brief aus der Bahn geworfen. Allein der Gedanke in einem Raum voller Kreuze zu sein, lässt ihn erzittern. Denn wann immer der Täter ihn im Internat missbrauchte, hing über dem Schreibtisch ein Kreuz und neben dem Kopf des Schülers lag das Gebetbuch.

Niemand lässt sich beraten

Dass Betroffene zu einem Bußgottesdienst eingeladen werden – darüber wird im Erzbistum Köln nun heftig gestritten. Ein Seelsorger sagte dem WDR, er empfinde diesen Vorgang als Verwahrlosung. „Sie haben die Macht, deshalb machen sie.“ Aber niemand lasse sich beraten, es würden viel zu wenige Mitarbeiter des Bistums oder Betroffene eingebunden.

Opfer von Missbrauch: Porträt von Patrick Bauer

Betroffener und Seelsorger Patrick Bauer

Dabei gebe es im Bistum sogar mindestens zwei Seelsorger, Gemeindereferenten, die selbst als Kind sexualisierte Gewalt durch Geistliche erlebten. Sie könnten die Perspektive der Betroffenen mit der theologischen verbinden. „Aber wir wurden nicht gefragt“, sagt Patrick Bauer, einer der beiden. Er war ebenfalls mit Karl Haucke im Beirat engagiert, auch er trat aus Protest aus, auch er bekam nun die Einladung, die ihn fassungslos machte.

Täter müssten Buße leisten

„Haben die dem Bistum bekannten Täter auch eine Einladung bekommen?“, fragt Bauer. „Wenn ja, wie wird man dies den Betroffenen vermitteln wollen, wenn sie dort auf ihre Täter treffen. Wenn nein, wieso nicht? Denn Sie sind es schließlich, die eine Buße zu leisten hätten.“ Und dass ausgerechnet Rolf Steinhäuser den Gottesdienst halten solle, findet Bauer eine Farce. Er sei der Bischof im Bistum, der bisher jedenfalls keine Fehler im Umgang mit Missbrauch gemacht habe. Wo sind also die, die wirklich Buße tun müssten? Patrick Bauer sagt, er habe mit einigen Betroffenen gesprochen. Bisher habe noch keiner gesagt, dass er dorthin gehe.

Schuldbekenntnis des Erzbischofs war gefordert

Die Idee eines Gottesdienstes im Kölner Dom kam auch von der Vertretung der Laien im Erzbistum. Der sogenannte  Diözesanrat bestätigte dem WDR, dass es darin um ein Schuldbekenntnis des Erzbischofs und der gesamten Bistumsleitung gehen sollte: „Mitnichten haben wir von einem Bußgottesdienst gesprochen, durch den die Betroffenen wiederum und erneut instrumentalisiert werden“, so der Geschäftsführer Norbert Michels. Und Kardinal Woelki sei doch auch gerade gar nicht da. „Wir können die Reaktion von Betroffenen, die wiederum instrumentalisiert werden, ohne dass mit ihnen vorher abgestimmt und besprochen wird, wie sie sich was vorstellen können, verstehen.“ Auch der Diözesanrat sei bei der Planung des Gottesdienstes nicht eingebunden gewesen. Insgesamt habe man „wirklich nur das Allerbeste im Sinne der betroffenen Menschen erreichen“ wollen.

„Nichts gelernt“

Matthias Katsch, Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch"

Matthias Katsch, Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch"

Mittlerweile hat die Einladung zum Bußgottesdienst auch über das Bistum hinaus Wellen geschlagen. Matthias Katsch von der bundesweiten Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“ sagt auf WDR Anfrage zunächst nur zwei Wörter: „Nichts gelernt.“ Dann erläutert er: Es sei immer wieder erschreckend, dass Opfer der Kirche die Verantwortlichen über die Dynamik von Macht aufklären müssten: „Die Verantwortlichen sind immer noch in Amt und Würden, gönnen sich eine Auszeit. Nichts gewusst, nicht geahnt.“

Entschädigungen gäbe es bis heute keine, dafür aber angeblich verbesserte Anerkennungszahlungen, die die Opfer wiederum bitter enttäuschten. „Statt den Betroffenen Raum zu geben, sich vielleicht zu ihnen zu begeben, um zuzuhören und sich ihren Forderungen zu stellen, sollen diese eine binnenkirchliche Veranstaltung mit ihrer Präsenz unterstützen, um der Kirche dabei zu helfen, an Haltung und Strukturen zu arbeiten.“ Viele Betroffene, so Katsch, werden diese Veranstaltung als erneuten Übergriff einer mächtigen Institution empfinden, die schon wieder sehr selbstgewiss im Sattel sitze.

Betroffenen-Beirat eingebunden

Kardinal Rainer Maria Woelki

In Auszeit: Kardinal Woelki

Peter Bringmann-Henselder vom Betroffenen-Beirat des Kölner Erzbistums kann die Kritik nicht verstehen. Es hänge doch von jedem Einzelnen ab, ob er in die Kirche gehen wolle oder nicht, sagte der Sprecher des Gremiums dem WDR. „Aber wer immer fordert, die Kirche solle mehr tun, der muss auch zulassen, dass sie Dinge tut, wie eben einen Gottesdienst zu feiern.“ Es sei die Forderung des Beirats gewesen, dass dieser Gottesdienst am europäischen Tag zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch stattfinde, dem 18. November. Die Betroffenen seien mit Beiträgen am Gottesdienst beteiligt.

Der Betroffenen-Beirat des Erzbistums Köln hatte sich allerdings gespalten, nachdem Kardinal Woelki vor einem Jahr ein Gutachten zu sexualisierter Gewalt nicht veröffentlichte. Fünf Betroffene verließen darauf aus Protest den Beirat. Die Verbliebenen stehen nun auch in der Vorbereitung des Bußgottesdienstes an der Seite des Erzbistums.

Erzbistum nimmt Stellung

Auch das Erzbistum betont auf Anfrage des WDR, dass eine Abstimmung mit dem Betroffenenbeirat stattfindet. Aber auch die persönlichen Gespräche seien dem Bistum wichtig und fänden immer wieder statt. Nicht nur unter den Betroffenen, auch im Diözesanpastoralrat habe es die Bitte gegeben, dass ein liturgisches Zeichen gesetzt werde, so das Bistum. "Es ist uns ein großes Anliegen, diesen Bitten nachzukommen. In dieser Form ist der Bußgottesdienst ein Angebot, bei dem es jeder und jedem freisteht, es für sich anzunehmen."

Und Karl Haucke? Er engagiert sich seit Jahren auch im Verein Mojored, Missbrauchsopfer-Josephinum-Redemptoristen. Bei der Vereinsversammlung am Wochenende waren sich alle einig: Die Einladung zum Bußgottesdienst hätte breiter abgesprochen werden müssen.  So, wie es jetzt lief, drohe die Gefahr der Retraumatisierung  von Betroffenen. Und: Es hätte ein alternatives Angebot geben sollen. Für alle, die eben nicht in einen Kirchenraum zurückkehren wollen. Unterstützung bekommen die Betroffenen bei Mojored übrigens von den Redemptoristen selbst. Auch die Ordensbrüder halten den Bußgottesdienst für das falsche Signal.

Stand: 02.11.2021, 18:43