Radikale Nacktheit in der Bundeskunsthalle Bonn

Max Klinger, Beethoven, 1902.

Radikale Nacktheit in der Bundeskunsthalle Bonn

Von Henning Hübert

In Bonn ist der Komponist Ludwig van Beethoven seit Freitag (16.10.2020) oberkörperfrei zu bewundern: Das große Marmordenkmal des Bildhauers und Malers Max Klinger aus dem Jahr 1902 ist ein Höhepunkt der neuen Kunstausstellung "Max Klinger und das Kunstwerk der Zukunft".

Dazu kommen 200 Werke aus allen Schaffensbereichen, gerne mit Musikbezügen, fast immer Nackte. Die Bundeskunsthalle zeigt Klingers Suche nach einem modernen Menschenbild über die Darstellung radikaler Nacktheit.

Beethoven oben ohne

In der großen Halle der Bonner Bundeskunsthalle steht Klingers riesiges Gemälde "Kreuzigung" als Raumteiler: Christus splitternackt an der Seite, im Zentrum die Apostelin Maria Magdalena und Apostel Johannes – er trägt die Gesichtszüge Ludwig van Beethovens. 1893 ein Skandal, heute ein Hauptwerk des großen Leipziger Symbolisten.

Max Klinger hat sich jahrzehntelang mit Beethoven beschäftigt. Ebenfalls in Bonn: Sein überdimensioniertes Beethoven-Denkmal aus Marmor, Malerei und Elfenbeinschnitzereien. Der Fäuste ballende Komponist thront da alabaster-weiß und halbnackt auf Bronze und Granit – Klingers Vision des Kunstwerks der Zukunft.

Kuratorin Agnieszka Lulinska: "Wenn Beethoven die Fäuste ballt, dann ist da zwar die Idee des Künstlers vom Ende des 19. Jahrhunderts, der den Widrigkeiten zum Trotz sein Werk vollendet. Auf der anderen Seite: Wenn Sie sich diesen Beethoven anschauen, wenn er mit nacktem Oberkörper auf diesem überdimensionierten Thron Platz nimmt, dann wirkt er plötzlich ganz fragil."

Traumbilder, Sozialkritik und Sinnlichkeit

Flankiert werden die Skulpturen von dutzenden Zeichnungen und Radierungen. Die Motive pendeln zwischen Traumbildern und Sozialkritik. Klinger hat sich reichlich bei den alten Griechen, Römern und der Bibel bedient, seine Heldinnen und Helden heißen Prometheus, Kassandra, Salome oder Eva.

Die Ausstellung konzentriert sich außerdem auf die Auseinandersetzung der Geschlechter: Eines der Engelsgesichter im Thron des Beethoven-Denkmals zeigt beispielsweise die Gesichtszüge von Elsa Asenijeff. Sie war Schriftstellerin, Klingers Lebensgefährtin und Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht.

Reflexion über das Künstlertum

Zwischen Traumbildern, Mythos und der rauen Wirklichkeit hat Max Klinger sein Leben lang nach der Natürlichkeit gesucht. Die Bonner Bundeskunsthalle lässt das Publikum diese Suche sehr sinnlich nachvollziehen – radikale Nacktheit, präsentiert bis zum 31. Januar 2021.

Bundeskunsthalle Bonn: "Max Klinger und das Kunstwerk der Zukunft"

Die Bundeskunsthalle Bonn zeigt ab Freitag Max Klingers Suche nach einem modernen Menschenbild über die Darstellung radikaler Nacktheit.

Max Klinger, Die Kreuzigung Christi, 1890

Max Klinger Die Kreuzigung Christi, 1890
Öl auf Leinwand
Museum der bildenden Künste Leipzig

Max Klinger Die Kreuzigung Christi, 1890
Öl auf Leinwand
Museum der bildenden Künste Leipzig

Max Klinger Beethoven, 1902
Museum der bildenden Künste Leipzig

Max Klinger Die grosse Göttin Opus XIV Bl. 26, 1915
Radierung und Aquatinta
Museum der bildenden Künste Leipzig

Max Klinger Badende, sich im Wasser spiegelnd, 1896/97
Laaser Marmor, Tönung durch Säure und Resorcin, Haar ehemals vergoldet
Museum der bildenden Künste Leipzig

Max Klinger Bildnis Elsa Asenijeff im Innenraum, um 1904
Öl auf Leinwand
Museum der bildenden Künste Leipzig

Max Klinger Evocation (Nr. 19 auf Blatt 9 der Mappe Brahmsphantasie), 1890
Radierung
LETTER Stiftung

Stand: 15.10.2020, 15:20