Schwere Brandschutzmängel am Flughafen Köln/Bonn

Schwere Brandschutzmängel am Flughafen Köln/Bonn

Von Boris Baumholt, Massimo Bognanni, Sebastian Galle, Georg Heil

Jahrelang hat der Flughafen Köln/Bonn gravierende Mängel beim Brandschutz offenbar nicht behoben. Recherchen des WDR-Magazins Westpol belegen, wie an der Sicherheit gespart wurde.

Flughafen Köln/Bonn, der 14. August 2017, Raum H2B 209. Das Thema der Besprechung war brisant: der Brandschutz im Terminal 1. Fünf Mitarbeiter des Flughafens diskutierten den Zustand des in die Jahre gekommenen Terminals. Das Protokoll der Sitzung liest sich wie ein Notruf. Bei einem Feuer, so hielten es die Flughafenbrandschützer später schriftlich fest, sei eine Rauchausbreitung im Terminal 1 wahrscheinlich.

4 Innenaufnahmen von Schächten mit Kabeln

Nicht verschlossener Mauerdurchbruch

Der Grund: zahlreiche Durchbrüche in Decken und Wänden, die nicht fachgerecht verschlossen sind sowie fehlende oder mangelhafte Brandschutzklappen. Auch die Lüftungsanlage machte ihnen offenbar Sorgen.
Eine Meldung an die Bauaufsicht der Stadt Köln hierzu sei längst überfällig und es bestehe das Risiko, so die Brandschützer des Flughafens, "dass die Stadt Köln die Nutzung von Teilbereichen untersagt."

Sanierungskosten gescheut?

Schätzungsweise 12 bis 15 Millionen Euro würden die notwendigen Sanierungsarbeiten kosten. Ausgaben, die der Flughafen offenbar lange Zeit gescheut hat. Das legen weitere interne Dokumente nahe, die dem WDR vorliegen: Es handelt sich um einen vertraulichen Revisionsbericht und Prüfgutachten. Insider des Flughafens, die aus Angst um ihren Job anonym bleiben möchten, berichten: Nötige Sanierungen würden aus Kostengründen aufgeschoben. Die Vorwürfe sind bislang nicht bestätigt.

Westpol bat den Experten Matthias Dietrich um seine Einschätzung. Der 41-Jährige aus Wuppertal ist als Prüfsachverständiger für Brandschutz bei zahlreichen namhaften öffentlichen Gebäuden beratend tätig, auch bei Flughäfen. Dietrich hält die interne Mängelliste für beunruhigend und alarmierend.

4 Innenaufnahmen von Schächten mit Kabeln

Rohr-Altlasten im Terminal 1

Die Anzahl der Mängel, so der Sachverständige, sei so erheblich, dass sich ein Brand auch bei einem relativ kleinen Beginn und einer geringen Gefährdungsstufe ausbreiten könne. "Das erinnert mich hinsichtlich der Bilder durchaus an das Szenario am Düsseldorfer Flughafen, wo ja auch nicht-abgeschottete Leitungen und Rohre zu einer ganz erheblichen Schadensvergrößerung und letztlich zu vielen Todesfällen geführt haben."

Flughafenchef beurlaubt

Der Brandschutz beschäftigt auch den Aufsichtsrat des Flughafens. Der gab bei der Wirtschaftsprüfgesellschaft Ernst&Young eine externe Einschätzung in Auftrag. Der Brandschutz war eines von fünf Themen. Das Ergebnis, ein 19-seitiger Bericht, liegt inzwischen bei der Staatsanwaltschaft Köln. Die Fahnder ermitteln gegen Flughafenchef Michael Garvens wegen des Verdachts der Untreue. Geschäftsführer Garvens wurde bis Mitte Dezember beurlaubt.

Der Flughafen Köln-Bonn wollte sich mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen gegenüber Westpol zum Brandschutz nicht äußern. Der beurlaubte Flughafenchef Michael Garvens betonte in einer Stellungnahme, ein detaillierter Brandschutzbericht habe dem Aufsichtsrat jedes Jahr vorgelegen. Eine Gefahr für "Leib und Leben", sowohl der Passagiere als auch der Mitarbeiter, habe es nicht gegeben.

Mängel lange bekannt

Wesentliche Mängel beim Brandschutz waren indes schon Jahre bekannt. Bereits im September 2015 stellte der zuständige Sachverständige des Prüfunternehmens Dekra nach der Überprüfung der Brandschutzklappen fest: Die Betriebssicherheit und Wirksamkeit der Anlagen könne nicht bestätigt werden. "Die Mängel sind unverzüglich zu beseitigen." Doch statt einer sofortigen Bearbeitung geschah lange Zeit kaum etwas.

Auf Anfrage zeigte sich die Prüfgesellschaft Dekra gegenüber Westpol schmallippig. Sie erklärte nicht, warum ihr Sachverständiger auf dem Flughafen angesichts "wesentlicher Mängel" immer wieder neue Fristen gewährte. Man dürfe sich zu Vertragsbeziehungen nicht äußern, hieß es.

Im Unglücksfall schwer vermittelbar

Die interne Revision des Flughafens hat den Fall inzwischen ebenfalls geprüft. Im September 2017 legten die Mitarbeiter ihren Bericht vor. Die bereits 2015 als fehlerhaft beanstandeten Brandschutzklappen wurden demnach erst mehr als zwei Jahre später, im April 2017, ausgetauscht. Hierzu hielten sie in ihrem Bericht an die Geschäftsführung nüchtern fest: "Im Unglücksfall wird eine Mängelbeseitigung über circa 27 Monate schwer vermittelbar sein und hinsichtlich der Verantwortlichkeit hinterfragt." Andere Mängel sind laut Flughafen-Insidern bis heute nicht behoben.

Die Bauaufsicht der Stadt Köln beschwichtigt. Die Mängel würden sukzessive bearbeitet. Der Flughafenbetreiber beabsichtige, die verbliebenen Mängel im Zuge einer Sanierung im Terminal 1 zu beseitigen. "Diese Vorgehensweise ist sowohl mit dem Prüfsachverständigen als auch dem Brandschutzsachverständigen abgestimmt und dem Bauaufsichtsamt bekannt."

Die letzte Prüfung der Bauaufsicht ist datiert auf Januar 2014. Jetzt soll es jedoch plötzlich ganz schnell gehen: Die Aufseher haben eine neue Prüfung für den kommenden Dienstag (22.11.2017) angesetzt.

Stand: 19.11.2017, 16:00