Prozess in Bonn um Mord vor 35 Jahren unterbrochen

Stand: 01.12.2022, 20:12 Uhr

Vor dem Bonner Landgericht ist der Prozess um einen Mord vor 35 Jahren ausgesetzt worden. Zudem mussten die zuständigen Richter den Haftbefehl gegen den Angeklagten aufheben – der Mann ist bis auf weiteres wieder auf freiem Fuß.

Von Christoph Hensgen

Grund für die überraschende Wende in dem Strafprozess: Eine DNA-Spur des 66-Jährigen, die 1987 an der Leiche einer damals 23-jährigen Gastronomen-Tochter aus Lohmar gesichert wurde, gelangte möglicherweise nicht am Tatort, sondern in einem Labor auf einen Spurenträger.

Das war am vergangenen Verhandlungstag – sowohl für Staatsanwaltschaft, als auch für Gericht und Verteidigung völlig unerwartet – herausgekommen. Damit besteht kein dringender Tatverdacht mehr gegen den Angeklagten. Dem Gericht blieb gar nichts anderes übrig, als das Verfahren auszusetzen und den Angeklagten aus der Untersuchungshaft zu entlassen.

Strafprozess war erst vor drei Wochen gestartet

Der Strafprozess gegen Detlef M. hatte erst vor drei Wochen begonnen. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn wegen Mordes an Claudia O. angeklagt. Die Leiche der jungen Frau war 1987 in der Wohnung über dem Gasthaus ihrer Eltern in Lohmar gefunden worden. M. war damals Stammgast in dem Lokal.

Ein Abgleich der am Tatort gesicherten DNA-Spuren mit einer Vergleichs-Spur des heutigen Angeklagten, hatte auch 1987 schon einmal stattgefunden. Detlef M. war für die Mord-Ermittler bereits sehr früh als möglicher Täter in Frage gekommen. Vor 35 Jahren war die DNA-Analysetechnik jedoch noch gar nicht bekannt.

Bei Untersuchung von DNA-Spuren nicht sorgfältig gearbeitet

„Den Ermittlern war damals noch gar nicht bewusst, dass man mit Faserspuren ganz sorgfältig umgehen muss, sie beispielweise räumlich getrennt bearbeiten muss. Damit nicht die Gefahr besteht, dass die DNA-Spur eines Verdächtigen erst im Labor auf den Spurenträger vom Tatort kommt. Das könnte in diesem Fall aber möglicherweise passiert sein“, erklärt Gerlind Keller, Sprecherin des Bonner Landgerichts.

Für Strafverteidiger Uwe Krechel, der Detlef M. verteidigt, könnte dieser Umstand, der erst am vergangenen Verhandlungstag durch die Aussage eines LKA-Beamten bekannt geworden war, Signalwirkung haben. „Heute ist man über den Fall hinaus zu der Erkenntnis gelangt, dass man Dinge, die man vor 35 Jahren kriminaltechnisch untersucht hat, heutzutage einfach nicht mehr verwenden kann. Ab gesehen davon hat schon der Bundesgerichtshof klargestellt, dass eine DNA-Spur kein Beweis sondern lediglich ein Indiz ist.“

Detlef M. saß wegen zweifachen Mordes bereits 32 Jahre in Haft

Ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod von Claudia O. hatte M. die Mutter und den Sohn eines Unternehmers aus dem Sauerland ermordet. Dafür war er zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Außerdem hatten die Richter damals die besondere Schwere der Schuld festgestellt. 32 Jahre saß M. hinter Gittern, bevor er wieder frei kam. Und im April 2022 erneut in Untersuchungshaft kam – als Verdächtiger im Mordfall Claudia O.

Prozess in Bonn um Mord vor 35 Jahren unterbrochen

00:31 Min. Verfügbar bis 01.12.2023


Heute konnte Detlef M. das Landgericht als freier Mann verlassen. Er ließ sich von seiner Schwester abholen. Sobald er seine Sachen aus der JVA Köln abgeholt hat, will er erst einmal in Ruhe Weihnachten feiern, sagte er gegenüber wdr.de.

Gericht lässt weitere Spurenträger untersuchen

Die Frage zu Schuld oder Unschuld ist durch die heutige Entscheidung des Bonner Landgerichtes aber nicht abschließend beantwortet worden. „Die Kammer will jetzt weitere Spurenträger untersuchen lassen und dann entscheiden, ob der Prozess neu aufgenommen wird“, so Gerichtssprecherin Gerlind Keller.

Über dieses Thema berichten wir am 01. Dezember 2022 im WDR Fernsehen: Lokalzeit aus Bonn, 19:30 Uhr.