Missbrauchsgutachten des Kölner Erzbistums: Interview mit dem Betroffenen Karl Haucke

Karl Haucke sitzt in einem Konferenzraum des WDR in Köln

Missbrauchsgutachten des Kölner Erzbistums: Interview mit dem Betroffenen Karl Haucke

Von Juliane Hermes

Das Erzbistum Köln hat das Gutachten zum Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige und Schutzbefohlene vorgestellt. Der Betroffene Karl Haucke erzählt, wie er zu dem Gutachten steht.

Herr Haucke, Sie hatten nun endlich die Gelegenheit einen Blick in das lang erwartete Gutachten zu werfen. Wie geht es Ihnen damit?

Karl Haucke: "Ich war natürlich sehr angespannt. Wir wissen häufig überhaupt nicht, wie die Akten, die beim Erzbistum liegen, aussehen. Wer was veranlasst hat oder wer die Weitergabe von Informationen an die Staatsanwaltschaft verhindert hat. Auch Aktenvernichtungen waren Normalität. Alle diese Dinge führen zu Lücken in unseren Biografien. Uns fehlen die Informationen, warum unsere Täter so schnell verschwunden sind, ob es noch andere Opfer gibt und ob der Täter seinen Verbrechen noch weiter nachgeht."

Hilft Ihnen das Gutachten dabei, mit den Geschehnissen abzuschließen?

"Abschließen kann ich nicht, das ist eindeutig. Mir war nach einigen Jahren Therapie klar, das Thema werde ich nie wieder los. Ich wollte allerdings auch nicht bis an mein Lebensende Opfer sein. Und deshalb habe ich mich für einen konstruktiven Umgang entschieden. Das bedeutet Mitwirkung in Betroffeneninitiativen und Beiräten wie auch im Kölner Beirat. Dieses Gutachten bietet speziell für mich keinen Schritt zur Befriedung, da es klerikale Täter des Erzbistum Köln betrifft. Mein Tat-Kontext ist ein Orden. Trotzdem freue ich mich natürlich, wenn jetzt möglichst viele Betroffene erfahren, wer die Täter hinter den Tätern, wer die Vertuscher sind."

Gab es denn Teile des Gutachtens, die Sie überrascht haben?

"Herr Woelki hat ja schon von Amtsenthebungen gesprochen. Das hat mich überrascht. Vor allem hat es mich überrascht, weil es vorher hieß, das Erzbistum bekommt keine Informationen aus dem Gutachten, bevor es öffentlich präsentiert ist. Die Reaktion von Herrn Woelki allerdings klang durchaus danach, als ob er schon was wusste. Eine weitere Überraschung war, dass Herr Woelki es unterlassen hat, die Gefühlslage der aus dem Betroffenenbeirat Ausgetretenen zu beschreiben. Er hat zuvor über unsere Wut gesprochen, aber nicht über unsere Sachargumente für unseren Rücktritt. Damit ist er heute nicht hervorgetreten heute. Das war eine Überraschung."

Was muss, Ihrer Meinung nach, nun auf das Gutachten folgen?

"Auch die Theologen und die Moraltheologen müssen Stellung nehmen. Denn ein Unternehmen, eine Institution, die sich so laut, deutlich und hoch auf das moralische Pferd schwingt, muss es sich gefallen lassen, dass das Verhalten ihrer Führung auch genau nach solchen moralischen Kriterien beurteilt wird. Das ist heute überhaupt nicht der Fall gewesen. Die ethische Seite der Aufarbeitung muss auf jeden Fall noch geleistet werden."

Und was sagen Sie zum ersten Statement von Kardinal Woelki zum Gutachten?

"Für mich war die ganze Pressekonferenz eine Inszenierung. Es war eine Show, so wie wir sie von Herrn Woelki kennen. Aber das haben wir durchaus erwartet."

Stand: 18.03.2021, 19:59