Revision im Missbrauchsprozess: Bergisch Gladbacher geht gegen Urteil vor

Revision im Missbrauchsprozess: Bergisch Gladbacher geht gegen Urteil vor

Von Jochen Hilgers

Erst vergangene Woche ist das erste Urteil im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach gegen einen 43-Jährigen gefallen - jetzt hat er dagegen Revision eingelegt.

Im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach hat der Verteidiger des vergangene Woche verurteilten zentralen Beschuldigten Revision eingelegt. Das Kölner Landgericht hatte den 43-Jährigen zu zwölf Jahre Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Nun muss sich der Bundesgerichtshof mit dem Fall beschäftigten.

Angeklagter bei Urteilsverkündung mit leerem Blick

Minutiös hatte der Richter bei der Urteilsverkündung Anfang Oktober die Tatvorwürfe aufgeführt. Vergewaltigung, schwerer sexueller Missbrauch beides zu Lasten jeweils von einem sehr kleinen Kind. Die Anklage hatte 79 Fälle aufgelistet.

Angeklagter bleibt möglicherweise lebenslang in Haft

Der Richter blieb mit 12 Jahren Haft zwar anderthalb Jahre unter dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft. Doch die Verhängung der anschließenden Sicherungsverwahrung trifft den Angeklagten weit härter. Wenn der Bundesgerichtshof das Urteil des Kölner Landgerichts zulässt wird er möglicherweise nicht mehr in Freiheit kommen oder erst als sehr alter Mann.

Sicherungsverwahrung bedeutet, dass der Angeklagte nach Verbüßung der Haftstrafe grundsätzlich unbefristet weiter in einer besonderen Anstalt verwahrt wird, um die Bevölkerung vor seiner Gefährlichkeit zu schützen. Es wird allerdings regelmäßig "mindestens einmal jährlich" überprüft, ob die Voraussetzungen für die Unterbringung in der Sicherungsverwahrung noch vorliegen. Solange jedoch die Gefahr besteht, dass der Angeklagte außerhalb der Sicherungsverwahrung Straftaten begehen wird, kann er nicht entlassen werden.

Heimkino mit Bewegungsmelder kaschierte das Doppelleben

Bedrückend waren die Aussagen von zwei Kripobeamtinnen, die schilderten, wie perfekt der Angeklagte offenbar sein Doppelleben kaschiert hatte. Ein Heimkino mit Bewegungsmelder zum Beispiel. Wenn ein Kontakt ausgelöst wurde, wechselte sofort der Film.

Die Ehefrau und Mutter des Opfers sei aus allen Wolken gefallen, als die Polizei ihren Mann abführte. Dann die Aussage eines bereits verurteilten Ex-Soldaten aus Kleve. Mit ihm soll er die Kinder zur Ausübung sexueller Gewalt getauscht haben. Für Staatsanwaltschaft und Nebenklage ist daher Verhängung einer Sicherungsverwahrung nur folgerichtig.

Angeklagter war selbst Missbrauchsopfer und später Täter

Der Angeklagte folgte dem Verfahren überwiegend konzentriert und ohne große Gefühlsregung. So, als würde über einen Dritten gesprochen und nicht über ihn und die Taten, die ihm vorgeworfen werden.

Manchmal aber flossen bei ihm Tränen. Zum Beispiel, als er hört, dass seine drei Jahre alte Tochter ihn vermisst. Und als zur Sprache kommt, dass er selbst als Kind missbraucht worden war.

Zur Sprache kommt aber auch, dass er bereits mit 16 Jahren zum Täter wurde. Damals soll er seine neunjährige Cousine zum Sex gezwungen haben. Wegen seines Vorlebens und der Schwere der jetzigen Vorwürfe im Prozess steht eine Verhängung der Sicherungsverwahrung im Zentrum der Beratungen des Gerichts.

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln weiter

Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens laufen die Ermittlungen von Kripo und Staatsanwaltschaft in Köln mit hohem personellen Aufwand weiter. Mit dem 43-Jährigen flog vergangenes Jahr ein ganzes Netzwerk pädokrimineller Täter auf.

Die Ermittler verfolgen nach eigenen Angaben rund 30.000 Spuren. Immer wieder kommt es zu landes- oder sogar bundesweiten Razzien. Keiner der Täter soll sich sicher fühlen, sagen Ermittler über ihre Arbeit.

Folgen für Missbrauchsopfer sind gravierend

Für die Missbrauchsopfer sind die Folgen gravierend. Die Leiterin der Informationsstelle gegen sexuellen Kindesmissbrauch "Zartbitter" in Köln, Ursula Enders, sagte dazu dem WDR: "Ob ein Kind Folgeschäden behält, erfährt man oft erst viele Jahre später. Meistens wenn sie 13 Jahre alt sind, 18, 19." Dann würden die Erinnerungen wieder lebendig. Die Opfer leideten an körperlichen Krankheiten und an psychosomatischen Folgen wie zum Beispiel Depressionen oder Suizidalität.

Stand: 14.10.2020, 12:31

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