Immer mehr Kinder in der Psychiatrie-Sprechstunde

Ein Symbolbild eines verzweifelten Mädchens

Immer mehr Kinder in der Psychiatrie-Sprechstunde

Von Eva Kornofsky

  • Armut oftmals Grund für Schulversagen
  • Wesel: Verdoppelung auf 6000 Fälle pro Jahr
  • Kinder Alleinerziehender besonders betroffen

In nur acht Jahren hat sich die Zahl der Kinder verdoppelt, die in die Sprechstunde von der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Marienhospitals Wesel geschickt werden - auf nun 6.000 Fälle im Jahr, sagt Chefärztin Stephanie Bosserhof. Und wenn sie mehr Kapazitäten hätte, wären es noch viel mehr.

Am meisten zugenommen haben die Schulleistungsprobleme. "Viele Kinder sind vernachlässigt und verwahrlost", so Bosserhoff, "weil die Eltern mit der Erziehung überfordert sind".

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung leben rund 21 Prozent der Kinder in Deutschland in Armut. "Da fehlt nicht nur Geld fürs Party machen", betont die Psychiaterin.

Ein typischer Fall

Stephanie Bosserhoff schildert einen typischen Fall: Ein Siebenjähriger geht über Tische und Bänke, macht seine Hausaufgaben nicht und bringt auch keine Unterrichtsmaterialien mit in die Schule. Bosserhoffs Team schaut sich nicht nur den Jungen an, sondern auch seine Familie.

Alleinerziehende besonders betroffen

"Kinder alleinerziehender Mütter aus armen Verhältnissen brauchen besonders oft Hilfe", sagt Ärztin Claudia Vogt aus dem Team, denn "alleinerziehende Mütter haben das höchste Risiko, aus Erschöpfung an Depressionen zu erkranken". Und dann fehlt ihnen die Kraft, sich um ihr Kind zu kümmern.

Die Überweisung in eine spezielle Tagesstätte für das Kind kann helfen. Doch es ist auch wichtig, die Beziehung zwischen Mutter und Kind zu verbessern. Dafür wurden spezielle Trainingsprogramme entwickelt. Die Eltern lernen, mit den Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder besser umzugehen. Und ihr Kind zu loben, für das, was es gut macht.

Armut: Psychische Belastung für Kinder

WDR 5 Morgenecho - Westblick am Morgen 16.07.2018 03:50 Min. WDR 5

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Teufelskreis muss durchbrochen werden

Immer mehr Kinder und Jugendliche bleiben dem Schulunterricht fern, zum Beispiel, weil sie Angst haben, wegen ihrer Armut von den Mitschülern gemobbt zu werden. Deshalb wurde am Marienhospital eine Sprechstunde für sogenannte Schulvermeider eingerichtet.

"Den Kindern fehlt zuhause der Halt, die Familie ist arm oder die Eltern sind selbst psychisch erkrankt", sagt Claudia Vogt über die Kinder, die in der Schulvermeider-Sprechstunde landen. Und oft kommen alle Faktoren zusammen.

Schlechtere Bildungschancen

Armut oder Arbeitslosigkeit verstärken Verhaltensprobleme, und die verschlechtern die Bildungschancen, so Chefärztin Bosserhoff. Die Kinder schaffen keinen Schulabschluss und landen wieder in Armut. Um den Teufelskreis zu durchbrechen, fordert sie mehr Personal für Kitas und Schulen, damit die Kinder dort stabile Bezugspersonen finden

Stand: 16.07.2018, 16:35

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