Anwohner in Erftstadt-Liblar fühlen sich nach Flut im Stich gelassen

Nach dem Hochwasser

Anwohner in Erftstadt-Liblar fühlen sich nach Flut im Stich gelassen

Von Sabine Büttner

Verstopfte Gullis, schleppende Informationspolitik, zu wenig Unterstützung: Betroffene des Hochwassers in Erftstadt-Liblar fühlen sich von der Stadt allein gelassen.

Frank Wichmann lebt im Erftstädter Ortsteil Liblar. Sein Haus stand, wie das vieler anderer, bei der Flut Mitte Juli unter Wasser. Auch wenn der Keller mittlerweile wieder größtenteils hergerichtet ist – das Hochwasser ist jeden Tag das vorherrschende Thema.

Auch Sarah Schulze, die eine Straße weiter wohnt, erlebt noch Wochen nach der Flut, dass Hilfe nicht bei Menschen ankommt. Immer wieder habe sie Senioren beobachtet, die keine Unterstützung hatten und allein per Schubkarre ihren Schutt zur Sammelstelle brachten. Für die älteren Menschen eine Zumutung, findet die 35-Jährige: „Ich habe dann Helfer organisiert, weil seitens der Stadt keiner da war.“

Informationen im Internet für Ältere schwer zu bekommen

Sie kritisiert, dass die Stadt Erftstadt vor allem auf ihrer Homepage und in den Sozialen Medien über Themen rund um das Hochwasser informiert – egal ob es um Anträge auf Spendengeld oder die Vermittlung von Hilfsangeboten gehe. Einige ihrer Nachbarn kämen gerade so mit einem Handy zurecht - online nach Informationen zu suchen sei für sie kaum machbar.

Die Stadt Erfstadt weist diese Kritik dem WDR gegenüber zurück: „Es wurde über alle Medien, Internet, Social Media, eine sieben Tage zugängliche telefonische Hotline oder über Flugblätter und Infopoints, sowie auch durch aufsuchende Teams, informiert“. Sarah Schulze dagegen sagt, man werde allein gelassen – gerade den älteren Leuten gehe das so.

Fragenkatalog und Unterschriftensammlung

Die Anwohner haben der Stadt Erftstadt ihre Sorgen und Nöte in einem Schreiben geschildert. In 20 Fragen wollen sie wissen, was passiert ist und wie es jetzt weitergeht: Wie wird der Hochwasserschutz verbessert? Wie werden Bürger informiert? Und wie wird ihnen geholfen? 300 Nachbarn haben den Fragenkatalog unterschrieben. Bei der Stadtratssitzung am 24. August hat Frank Wichmann das Schreiben der Verwaltung übergeben. Doch auf Antworten, sagt der 60-Jährige, wartet er noch immer.

Die Stadt habe ihm lediglich in einem Brief mitgeteilt, dass das Schreiben bei der nächsten Ratssitzung im Oktober Thema sein soll. „Bürgerfern“, nennt Wichmann das: „Die Leute, die hier unterschrieben haben, haben Fragen und Ängste. Jetzt müssen wir bis Oktober warten. Und ich denke auch bei der nächsten Sitzung wird nicht die Zeit sein, diese 20 Fragen zu stellen. Das wird im Sande verlaufen“.

Bodenproben auf Spielplätzen sorgen für Verunsicherung

Frank Wichmann und die Nachbarn fühlen sich im Stich gelassen und schlecht informiert. Stattdessen hören die Anwohner immer wieder Gerüchte, die sie verunsichern. Sandra Lappe aus dem Ortsteil Blessem berichtet, dass der Spielplatz nahe ihrem Haus abgesperrt ist. „Die Gerüchteküche – und nur die bleibt uns oft – sagt: Der Boden soll dort ausgetauscht werden, weil es eine Kontamination gab“. Auch bei ihr im Garten habe das Hochwasser gestanden. Die dreifache Mutter fragt sich daher, ob auch auf ihrem Grundstück eine Gefahr droht: „In meinem Garten hat noch keiner eine Probe genommen, geschweige denn mal geklingelt.“

Die Stadt erklärte dem WDR dazu, es sei an allen vom Hochwasser betroffenen Spielplätzen der Spielsand ausgetauscht worden. Fachfirmen hätten die Spielgeräte gesäubert: „Des Weiteren wurden durch den Rhein-Erft-Kreis Schlammproben untersucht und durch die Stadt Erftstadt wurden Bodenuntersuchungen beauftragt. Nach den uns vorliegenden Ergebnissen besteht keine Gefahr, dass durch das Juli-Hochwasser neue Bodenbelastungen hervorgerufen wurden“.

Gullis auch Wochen nach der Flut noch verstopft

Nach dem Hochwasser

Regen staut sich an einem Gulli in Liblar

Doch nicht nur das zurückliegende Hochwasser hat viele Sorgen verursacht: Die Menschen haben auch Angst, dass so etwas noch einmal passiert – und sie einer Überflutung schutzlos ausgeliefert sind. So seien zum Beispiel viele Gullis am Straßenrand verstopft, Regenwasser könne nicht abfließen. Frank Wichmann sagt, er habe die Stadt mehrfach deshalb angerufen. „Letzte Woche hatten wir 20 Minuten Starkregen, da lief alles über! Der ganze Bürgersteig, teils bis in den Vorgarten. Wir haben keine Reaktion von der Stadt bekommen. Online wurde veröffentlicht, dass Bürger in Ausnahmefällen die Gullis selbst reinigen sollen. Ich kriege so einen Gullideckel aber nicht angehoben, das geht vielen so.“

„Wenn jetzt wieder Starkregen kommt, war alles umsonst“

Knapp 40 Kilo wiege ein Gullideckel, hat Frank Wichmann gehört. Die Stadt Erftstadt schreibt dazu auf WDR-Anfrage: „Die Stadtwerke reinigen regelmäßig die Regenabläufe. Diese wurden jedoch immer wieder mit Sperrmüll und vor allem Bauschutt zugestellt und verstopft. Daraufhin erfolgte der Hinweis, dass die Regenabläufe zusätzlich zu den Reinigungen durch die Stadtwerke auch von Privatpersonen durchgeführt werden können.“ Frank Wichmann sagt, es müsse dringend etwas getan werden. „Die Versicherung sagt, sie übernehmen den Schaden nicht, wenn das Wasser wegen verstopfter Gullis nicht ablaufen kann. Wir haben den Keller renoviert. Wenn jetzt wieder Starkregen kommt, läuft es wieder rein. Dann war alles umsonst.

Schlecht gewarnt und spät reagiert – die Fehler in der Flut Westpol 29.08.2021 UT DGS Verfügbar bis 29.08.2022 WDR

Stand: 17.09.2021, 11:19