Filmpremiere in Bonn: Musik hilft Alzheimer-Patienten

Filmpremiere in Bonn: Musik hilft Alzheimer-Patienten

Von Christina Nerea Burger

Kommenden Montag (19.09.2016) startet die Woche der Demenz. Erstmals in Europa überhaupt war in Bonn aus diesem Anlass der US-Spielfilm "Of Mind and Music" zu sehen. "Of Mind and Music" erzählt die Geschichte des Hirnforschers Álvaro Cruz, der versucht, einer an Alzheimer erkrankten Jazz-Sängerin zu helfen.

Vor allem geht es aber um die Frage, wie die Musik dementen Menschen dabei helfen kann, verschollene Erinnerungen zurückzubringen – zumindest vorübergehend. Geschätzt eine Million Menschen in Deutschland leiden an Alzheimer. Die Dunkelziffer ist sehr hoch.

Denn oft wird die Krankheit nicht offiziell diagnostiziert und die Erkrankten tragen sie viele Jahre unbemerkt mit sich herum. War Demenz lange ein Tabu-Thema, beschäftigen sich heute immer mehr Menschen mit der Krankheit. Was kann im Alter auf einen selbst zu kommen? Was, wenn ein Elternteil erkrankt? Diese Fragen sind hoch aktuell.

Die Heilkräfte der Musik

In dem amerikanischen Film "Of Mind and Music" geht es um die heilende Wirkung des Gesangs. Queenie, die alle nur Una Vida nennen, lebt in New Orleans bei einem Straßenmusiker. Er kümmert sich um sie und musiziert regelmäßig mit ihr in Bars. Eines Tages hört ihnen der Neurowissenschaftler Álvaro Cruz, gespielt von Joaquim Almeida, zu. Zuerst ist er nur begeistert von der Musik. Schnell stellt er aber fest, dass Una Vida an Alzheimer leidet. Er ist fasziniert von der Wirkung der Musik auf die ältere Frau. Während sie singt, ist sie wie ausgewechselt.

Doch was ist an der Geschichte von Una Vida Fiktion, was Realität? Kann Musik tatsächlich verlorene Erinnerungen von dementen Menschen wachrufen? Pierluigi Nicotera ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Neurogenerative Erkrankungen und erklärt, wie sich Prozesse im Gehirn von Alzheimer-Patienten verändern: "Für Alzheimer-Patienten ist es einerseits sehr schwierig, neue Erinnerungen im Gedächtnis zu verankern, aber auch bestehende abzurufen. Alte Erinnerungen sind zwar ausreichend verankert. Aber die Schaltkreise, die Verbindungen im Gehirn funktionieren nicht mehr richtig und verhindern das Erinnern. Das heißt nicht, dass diese Erinnerungen nicht mit bestimmten Emotionen verknüpft sind."

Musik als Stimuli

Musik ist ein Weg, diese Emotionen bei Alzheimer-Patienten abzurufen. Sie stellt eine Verbindung zwischen den zuständigen Hirnarealen her, die im Zuge der Krankheit nicht mehr richtig zusammenarbeiten. Für die Dauer der Musik können so Erinnerungen zurückgeholt werden. Zum Beispiel durch Tanz oder Lieder aus der Jugend.

Pierluigi Nicotera erklärt: "Der Film erwähnt das Beispiel von zwei Freunden, die die Fähigkeit verloren haben, miteinander zu kommunizieren. Und als sie diesen einen Song von Elvis hören, scheinen sie zurückzukommen, sie erinnern sich wieder aneinander und sie fangen an, sich wie früher zu unterhalten. Musik hilft ihnen, eigentlich verlorene Erinnerungen wachzurufen. Sie ist der Auslöser, aber zugleich der Ausschalter. Denn als die Musik endet, hören sie auch auf, sich zu unterhalten."

Musiktherapien nicht kurativ einsetzbar

Die besondere Wirkung der Musik machen sich auch Therapien zunutze. Sie helfen Menschen, die bereits unter Alzheimer leiden. Nach Pierluigi Nicotera sind sie aber nicht als Therapien im herkömmlichen Sinne zu verstehen: "Es handelt sich eher um palliative Ansätze. Sie werden die Krankheit nicht heilen, aber sie werden definitiv die Lebensqualität der Erkrankten verbessern."

Ein Heilmittel für Alzheimer ist Musik also nicht. Trotzdem steht die Wissenschaft, was die mögliche Rolle von Musik in der Medizin angeht, gerade erst am Anfang. "Bei Konferenzen haben wir sogar diskutiert, ob Musik bestimmte Stammzellpopulationen aktivieren könnte. Bisher ist das alles rein hypothetisch. Auch im menschlichen Gehirn gibt es Stammzellen. Die meisten von uns werden diese niemals aktivieren, weil bis heute nicht geklärt ist, wie man das kann", erklärt Nicolas Bazan, Autor der Romanvorlage von "Of Mind and Music" und Direktor des Neuroscience Center of Excellence an der Louisana State University.

Prävention von Alzheimer

Therapeutin spielt Gitarre, in einem anderen Sessel sitzt eine ältere Frau

Musik kann Alzheimer-Patienten einen Teil der Lebensqualität zurückbringen

Wer Alzheimer schon jetzt vorbeugen möchte, sollte vor allem eines sein: Offen gegenüber Neuem. Sprachen zu lernen, Reisen, Menschen zu treffen, all das verringert die Wahrscheinlichkeit, im Alter an Alzheimer zu erkranken. Ist die Krankheit aber einmal ausgebrochen, kann Musik einen Teil der Lebensqualität zurückbringen.

Musik stellt zu Alzheimer-Patienten eine Verbindung her, die die Wissenschaft zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht ganz durchschaut. Vielleicht hören wir in ein paar Jahren erste Ergebnisse, was die musikalische Wirkung auf Stammzellen betrifft. Fest steht: Musik ist eine Form der Kommunikation, die selbst Krankheiten überwindet.  

Stand: 13.09.2016, 15:39

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