Eine Drohne schwebt über einem Getreidefeld.

Perspektiven statt Tagebau: Zukunftslabor für Energie und Pflanzen

Stand: 10.01.2022, 15:42 Uhr

Alt-Morschenich sollte eigentlich dem Tagebau weichen. Doch mit dem früheren Ausstieg aus der Braunkohle wird der Ort jetzt zum Zukunftslabor für Solarenergie und Ackerbau.

Von Helga Hermanns

Ein paar hundert Meter vor der Ortseinfahrt nach Alt-Morschenich im Kreis Düren liegt links ein umzäunter Acker mit fast 1.000 Solarmodulen. Hier geht es um Energiegewinnung und Landwirtschaft - auf ein und demselben Acker. Gleich dahinter beginnt der Hambacher Forst – das Symbol für den Streit um den Kohleausstieg und den Strukturwandel einer ganzen Region. Hier soll der Beweis erbracht werden, dass Agri-PV – so nennt man die Kombination von nachhaltiger Energiegewinnung und Pflanzenproduktion – ein lohnendes Geschäftsmodell ist.

Unter den Solarmodulen wird Arnika angebaut

Partner des in NRW einmaligen Projekts sind das Forschungszentrum Jülich und das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Und so funktioniert das Ganze: Die Solarmodule, die zum Teil in verschiedene Richtungen gekippt werden können, befinden sich in vier bis sechs Meter Höhe. Darunter wurden für die ersten Versuche Arnika gepflanzt.

Antwort auf den Klimawandel?

Solarmodule auf einem Feld.

Auf einem Feld bei Alt-Morschenich wurden rund 1.000 Solarmodule installiert.

Und das wollen die Forscher wissen: Wie sind die Lichtverhältnisse auf dem Acker? Erhalten die Pflanzen genügend Regenwasser, das über die Module gesammelt wird? Können Roboter, die mit dem Strom der PV-Module betrieben werden, für die automatische Bewässerung eingesetzt werden? Und sorgen die Solarmodule dafür, dass etwa Wind und Hitze abgehalten werden, die die Böden austrocknen? Ist also Agri-PV eine Antwort auf den Klimawandel?

Forscher sammeln Daten für die Kombination aus Energie und Ernte

Das Projekt in Alt-Morschenich ist auf die nächsten fünf Jahre angelegt. Die Forscher werden dabei fleißig Daten sammeln und untersuchen, ob sich neben Arzneipflanzen auch empfindliche Beeren-Kulturen, Pflanzen für die Öl- und Faserherstellung oder Nutztiere wie Hühner für den Anbau und die Haltung unter dem Solar-Dach eignen.

Landwirte befürworten Doppelnutzung

Die Landwirte im Kreis Düren beobachten das Geschehen in Alt-Morschenich mit großem Interesse und als gute Alternative zu PV-Freiflächenanlagen, sagt Kreislandwirt Erich Gussen. Wegen der hohen Pachtpreise würden viele Landwirte ihre Ackerflächen für PV-Anlagen aufgeben. Mit Agri-PV sei eine Doppelnutzung möglich. Ob die auch wirtschaftlich sei, müsse sich erst zeigen.

Fraunhofer-Institut sieht Perspektiven - Förderungen fehlen noch

Nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) würden rund vier Prozent der deutschen Ackerflächen ausreichen, um den gesamten aktuellen Strombedarf für Deutschland zu decken. Allerdings müssten zunächst noch ein paar bürokratische Hürden genommen werden. Denn Agri-PV-Anlagen erhalten meist keine Einspeisevergütung und sie fallen aus EU-Agrarförderung heraus. Wenn das Projekt in Alt-Morschenich gut läuft, könnte sich das ändern.