Ai Weiwei in Düsseldorf: Zum Start über 8.000 Besucher

Ausstellungseröffnung: Ai Weiwei in Düsseldorf

Ai Weiwei in Düsseldorf: Zum Start über 8.000 Besucher

Mehr als 8.000 Besucher haben sich am ersten Wochenende die Ausstellung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf angeschaut. Das teilte eine Sprecherin am Sonntag (19.05.2019) mit.

Zu der Schau-Eröffnung am Freitagabend, bei der auch Ai Weiwei anwesend war, kamen demnach rund 3.000 Besucher. Bis zum 1. September werden neun, teils sehr große Installationen sowie zahlreiche Fotos, Skulpturen, Objekte und Filme des in Berlin lebenden Künstlers gezeigt.

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Die Werke sind in zwei Häusern des Museums ausgestellt, im K20 und K21. Es sei die bislang größte Schau seiner Arbeiten in Europa, erklärte das Museum. Ai Weiwei lebt seit einigen Jahren in Berlin.

Politkunst von Ai Weiwei im K20 und K21

WDR 5 Scala - Hintergrund Kultur 20.05.2019 12:20 Min. Verfügbar bis 19.05.2020 WDR 5

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Flucht und Überwachung

Themen wie Flucht und Überwachung spielen eine wichtige Rolle im Werk des Künstlers und Menschenrechtlers, der in China selbst 81 Tage in Haft war. Die größte Arbeit ist "Sunflower-Seeds": Auf 650 Quadratmetern sind hundert Tonnen Sonnenblumenkerne aus Porzellan zu einem gigantischen Rechteck aufgeschichtet.

Die Installation "Straight" präsentiert 164 Tonnen gebündelten Betonstahl aus Schulen, die 2008 bei einem katastrophalen Erdbeben in China einstürzten.

Kunstsammlung NRW zeigt Ai Weiwei

Von Thomas Köster

Politische Selfies mit Stinkefinger, die Kleider geflüchteter Menschen oder 60 Millionen Sonnenblumenkerne aus fair produziertem Porzellan: Die Werke Ai Weiweis sind spektakulär und provokant. Und sie bringen die Krisenherde der Welt ins Museum und jetzt auch nach Düsseldorf.

Ai Weiwei, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 2019 (Ausstellungsansicht)

"Alles ist Kunst. Alles ist Politik." Das ist das simpel klingende, aber im Grunde hoch komplexe Motto Ai Weiweis. Vordergründig einfach und doch extrem doppelbödig beschäftigt sich Ai Weiweis Kunst mit seinem Leben als Dissident - immer im Spannungsfeld zwischen der repressiven Politik seines Heimatlandes China und den krisenhaften Umbrüchen in der Welt.

"Alles ist Kunst. Alles ist Politik." Das ist das simpel klingende, aber im Grunde hoch komplexe Motto Ai Weiweis. Vordergründig einfach und doch extrem doppelbödig beschäftigt sich Ai Weiweis Kunst mit seinem Leben als Dissident - immer im Spannungsfeld zwischen der repressiven Politik seines Heimatlandes China und den krisenhaften Umbrüchen in der Welt.

Die Kunstsammlung NRW widmet dem chinesischen Konzeptkünstler und Aktivisten jetzt eine umfangreiche Retrospektive. Es ist Ai Weiweis größte, jemals in Europa gezeigte Schau ("Study of Perspective", 1995-2011).

In den beiden Ausstellungsgebäuden sind Werke aus vier Jahrzehnten versammelt, die sich dezidiert mit dem Verhältnis von Individuum und Staat auseinandersetzen, aber auch mit der aktuellen Flüchtlingskrise.

Dazu gehört mit den "Sunflower Seeds" auch Ai Weiweis vielleicht berühmteste Arbeit: 60 Millionen einzeln angefertigte Sonnenblumenkerne aus Porzellan, die in der "Klee Halle" am Grabbeplatz auf 650 Quadratmetern eine ungeheure plastische Präsenz entfalten.

Rund 1.600 Kunsthandwerker der chinesischen Porzellanmetropole Jianxi fertigten "Sunflower Seeds" in zweieinhalb Jahren - zu einem fairen Lohn. Chinesische Tradition und postmaoistischer Monopolismus werden hier ebenso reflektiert wie das Verhältnis von künstlerischem Ich und produzierender Masse.

Flankiert werden die 100 Tonnen der "Sunflower Seeds", die nach ihrer spektakulären Erstpräsentation in der Londoner Tate 2010 erstmals wieder komplett zu sehen sind, mit "Zodiac" (2018): 12 Bilder von chinesischen Tierkreiszeichen vor berühmten Bauwerken, die das Ausgeliefertsein des Menschen im Schicksalskreis symbolisieren.

Gefertigt ist "Zodiac" aus Hunderttausenden von Legosteinen, ihrerseits wieder Symbol des Wechselspiels von Kreativität und Massenproduktion. Es dauerte Jahre bis Ai Weiwei das Unternehmen von einer Zusammenarbeit überzeugen konnte: Zu groß war anfangs die Sorge, dass das eigene Image durch die Marke "Ai Weiwei" Schaden nehmen könnte.

Es gehört bei den teils als übermonumental empfundenen Arbeiten Ai Weiweis schon fast dazu, dass die Mächtigen Anstoß nehmen. Das gilt vor allem für das Regime in China. Ai Weiwei hat unter anderem seine eigene Überwachung durch dieses Regime dokumentiert - in Form von vermeindlichen Selfies. ("Illumination", 2008) ...

Außerdem dokumentiert er eindrücklich seine eigene Inhaftlierung nach seinen Menschenrechtsaktivitäten im Rahmen der Proteste in China im Jahr 2011. Diese war geprägt durch eine Omnipräsenz des Staatsapparats: Selbst auf die Toilette wurde der Künstler von zwei Polizisten begleitet.

Bei der sechsteiligen Installation "S.A.C.R.E.D" (2011-2013) kann man durch Fenster in den Wänden und in der Decke in den Nachbau von Ai Weiweis Zelle schauen - und wird so unweigerlich selbst zum beobachtenden Voyeur.

Was die chinesische Regierung empört, sind Werke wie "Straight" (2008-2012) - also konkrete Anspielungen auf die mit Korruption und Menschenverachtung verbundenen politischen Machtstrukturen. Die 164 Tonnen Armierungseisen ließ Ai Weiwei aus den Trümmern jener Schulgebäude bergen, die 2008 beim verheerenden Erdbeben von Sichuan einstürzten - wegen Baumängeln, wie Ai Weiwei nachwies. Tausende von Schulkindern starben.

Über mehrere Jahre ließ der Künstler die durch die Naturgewalt verformten Eisenteile geradebiegen und präsentierte "Straight" bisher zumeist auf dem Boden liegend als Landschaft. In Düsseldorf ruhen sie in hölzernen Transportkistensärgen - verloren auch im Niemandsland des Kunstbetriebs.

Überhaupt prägt häufig eine Art Weiterdenken Ai Weiweis Arbeiten. Das trifft auch auf sein (schier unfotografierbares) Werk "Life Cycle" (2018) zu, das Menschen und Tierwesen in einer Arche Noah aus Bambus zusammenbringt. Eine deutliche Referenz auf jenes echte Flüchtlingsboot, das Ai Weiwei ins Museum stellte und dafür zahlreiche Proteste erntete.

Werke wie diese haben dem Künstler den Vorwurf eingebracht, menschenverachtend zu sein und zynisch mit dem Schicksal von in Not geratenen Menschen umzugehen. Wer die Düsseldorfer Schau mit ihren doppelbödigen und anspielungsreichen Werken gesehen hat, kann diesen Vorwurf eigentlich nicht mehr verstehen ("Brain Inflation on Plate", 2012, CT-Aufnahme der Hirnverletzung Ai Weiweis nach Schlägen durch die Polizei).

Er sei "berührt", seine Werke in Düsseldorf endlich wieder einmal vereint zu sehen, sagt Ai Weiwei. Eine ähnliche Emotionalität wird sich der Künstler vielleicht auch von seinem Publikum erhoffen. Dass sein Werk gerade den traurigsten Episoden der Zeitgeschichte eine gewisse Kühle entgegenhält, mag dies vielleicht ein wenig erschweren (im Hintergrund: "Circle of Animals", 2011).

Deutlich wird dies in einer Installation wie "Laundromat" von 2016: Sie präsentiert die Kleidungsstücke Geflüchteter aus dem griechischen Flüchtlingslager Idomeni, die nach der Räumung zum zweiten Mal vertrieben wurden.

Ai Weiwei hat die T-Shirts, Jacken, Schlafsäcke und Hosen aufgekauft, gereinigt und nach Kleidungsgruppen sortiert. Die Gegenstände werden so von den konkreten, höchst dramatischen Zeitläuften auf eine sehr sterile Art und Weise abstrahiert.

Gleichzeitig macht die Abstraktion den Kopf frei für Assoziationen und Reflexionen, die auch das eigene Leben betreffen. So, wie sich "Laundromat" präsentiert, könnten die Kleidungsstücke auch auf dem heimischen Flohmarkt hängen. Oder anders herum gedacht: Vertreibung und Leid kann uns allen drohen.

Das ist sehr philosophisch gedacht - doch so wie Ai Weiwei Tradition und Moderne, Kultur und Krieg, Ich und Welt zusammenbringt, ist das vor allem aber auch große Kunst ("Safe Sex", 1998).

Die Düsseldorfer Schau präsentiert daneben auch noch das Frühwerk Ai Weiweis, das nicht nur in der chinesischen Malerei, sondern auch in der Pop-Art Andy Warhols wurzelt. Im Bild: "Untitled (Yantei, Shandong)" von 1977.

"Ai Weiwei" ist noch bis zum 1. September 2019 in den Gebäuden K20 und K21 der Kunstsammlung NRW zu sehen. Wer nicht beide Orte aufsuchen kann, muss sich zwischen Monumentalität und Reflexion entscheiden ("Fragments of Blue-and-White Dragon Bowl", 1996):

Im K20 sind mit den "Sunflower Seeds" und "Straight" zwar zwei Schlüsselwerke zu sehen, ...

... dafür präsentiert das K21 den schlüssigeren, wesentlich engagierter kuratierten Teil ("Camera With Plint", 2015).

Stand: 19.05.2019, 16:32

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