Afghanische Frauenrechtlerin Ghafari will mit Taliban verhandeln

Zafira Ghafari in einer Gesprächssituation.

Afghanische Frauenrechtlerin Ghafari will mit Taliban verhandeln

Zarifa Ghafari und ihre Familie haben eine riskante Flucht aus Afghanistan hinter sich. Die jüngste afghanische Bügermeisterin und Frauenrechtlerin spricht im Interview darüber, wie es mit Afghanistan und ihrer persönlichen Mission weitergeht.

Seit einer Woche ist Zafira Ghafari hier in Deutschland. Der jüngsten afghanischen Bürgermeisterin und Frauenrechtlerin gelang es unter Lebensgefahr, in Kabul in ein Flugzeug zu kommen und über die Türkei nach Deutschland zu fliehen. Ihr Ziel war Hilden. Hier hat sie eine Tante, bei der sie zusammen mit ihrem Mann untergekommen ist. Mit unserer Autorin spricht sie darüber, was die Entwicklungen für das Schicksal der Frauen bedeutet und wie sie von Deutschland aus für die Rechte der afghanischen Frauen kämpft.

WDR: Wie haben Sie ihre riskante Flucht aus Afghanistan verarbeitet, und wie sicher fühlen Sie sich jetzt?

Zarifa Ghafari: Was mich selbst angeht, fühle ich mich mittlerweile sicher. Ich sorge mich mehr um die Menschen, die immer noch in Kabul festhängen. Deshalb kann ich nicht so entspannt sein, wie ich es gerne wäre. Ich kann nachts nicht schlafen und liege jede Nacht bis drei oder vier Uhr wach. Ich kann aber noch nicht darüber reden. Das zu verarbeiten, fällt mir viel schwerer, als es Worte ausdrücken könnten.

WDR: Wie können Sie den Kontakt zu ihrer Familie und zu Bekannten aufrecht halten?

Ghafari: Meine Familie ist zum Glück hier in Deutschland. Nur einer meiner Brüder ist noch in der Türkei. Ich hoffe, dass ich ihn noch nachholen kann. Mit Bekannten kommuniziere ich viel über Soziale Netzwerke und über E-Mail. Leider sind jetzt alle, die mit mir in Kontakt waren, also die Kolleginnen meines Büros, alle Frauen, die mit mir zusammengearbeitet haben, in großer Gefahr. Sie haben alle Angst um ihr Leben.

WDR: Glauben Sie den Taliban, wenn sie sagen, dass Frauen und Mädchen zur Schule gehen dürfen?

Ghafari: Worte sind die eine Sache. Wir werden aber nur über einen langen Zeitraum sehen, was die Taliban von ihren Versprechen halten. In vielen Provinzen, in denen die Taliban auch schon vorher präsent waren, durften Frauen nicht in die Schule gehen oder die Universität besuchen. Auch in der Vergangenheit, zum Beispiel vor 2001, haben sie auch Versprechungen gemacht, dass Frauen ihre Rechte behalten. Es hat nicht lange gedauert und Frauen hatten weder grundlegende Rechte, noch Arbeit, noch Bildung. Ich kann ihnen also nicht trauen. Aber mit Verhandlungen, Druck, Gesprächen müssen wir die Taliban dazu bringen, Frauen gleich zu behandeln, denn ohne 50 Prozent der Bevölkerung können auch sie nicht regieren.

WDR: Was erhoffen Sie sich von den westlichen Regierungen, und was kann die deutsche Regierung für die Frauen in Afghanistan tun?

Ghafari: Das wichtigste ist für mich, dass die Taliban und ihre Anführer unter Druck gesetzt werden, damit sie allen Menschen, aber vor allem Frauen, ihre Grundrechte zugestehen. Wir müssen ein neues Kapitel aufschlagen. Die Taliban werden nicht verschwinden, keiner wird erneut kommen und sie aus dem Land werfen wie 2001. Also müssen wir mit ihnen arbeiten und mit ihnen darüber sprechen, was wir wollen und hören, was sie uns anbieten können.

Bewaffnete Männer und Jungen sitzen auf einem Auto in Südafghanistan. Die Taliban freuen sich über den Abzug der US-Amerikaner aus Afghanistan nach 20 Jahren.

Bewaffnete Männer und Jungen in Südafghanistan freuen sich über den Abzug der US-Amerikaner nach 20 Jahren.

WDR: Wie fühlen Sie sich innerlich, wenn sie an afghanische Frauen denken?

Ghafari: Ich kann das in Worten gar nicht ausdrücken, da kommt so viel zusammen, das kann sich niemand vorstellen. Ich weiß, wie schwierig es ist. Ich habe mit den Frauen geredet, die ihre Träume und ihre Hoffnungen verwerfen mussten. Da sind Menschen, die träumen von einer besseren Zukunft, die aber jetzt alles verloren haben. Da habe ich ein starkes Mitgefühl.

WDR: Sie sind zum ersten Mal in Deutschland. Wie fühlt sich das für Sie an?

Ghafari: Jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, sehe ich Menschen, die keine Angst haben, die keine großen Probleme haben. Ich sehe das Leben auf der Straße und frage mich, warum? Wir sind genau so menschliche Wesen. Wir kämpfen seit Jahren für alles in unserem Leben und unserem Land.

WDR: Sie waren sehr jung, als Sie ein großes Risiko eingegangen sind, um Bürgermeisterin in Afghanistan zu werden. Warum haben Sie das getan?

Ghafari: Jede Veränderung, die die Welt durchmacht, braucht einen Startpunkt. Das wollte ich auch machen, ich wollte beweisen, dass Frauen das können. Um zu zeigen, was Frauen für einen Einfluss nehmen können, habe ich die Lebensgefahr und alle anderen Hürden auf mich genommen.

WDR: Wie werden Sie Ihre Arbeit von Deutschland aus fortsetzen?

Ghafari: Der einzige Grund, warum ich nicht in Afghanistan bin, ist, dass ich für die Menschen und speziell die Frauen eine laute Stimme sein möchte. Es wird Zeit brauchen, ich arbeitete daran, eine Art weltweite Solidaritätsbewegung für die Frauen in Afghanistan zu starten. Das kann hoffentlich dafür sorgen, dass die Regierungen überall auf der Welt diese Bewegung sehen und Druck auf die Taliban ausüben. Aktuell springe ich dafür von einem Interview zum nächsten, spreche mit Menschen und berichte, was in Afghanistan vor sich geht. Die Taliban sind da, jetzt geht es darum, ihnen klar zu machen, dass sie ohne Frauen nicht regieren können.

Das Interview führte Astrid Linn.

Stand: 01.09.2021, 16:18