Der Mann, der jüdisches Leben in Düsseldorf prägte

Zwei Männer stehen sich an Mikrofonen gegenüber

Der Mann, der jüdisches Leben in Düsseldorf prägte

Von Peter Hild

  • Jüdische Gemeinde Düsseldorf als größte in NRW etabliert
  • Sorgenvoller Ausblick nach antisemitischen Vorfällen
  • Direktor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf geht in Rente

"Ich habe das überzeugte Gefühl, dass der richtige Zeitpunkt für den Abschied gekommen ist", sagte der scheidende Verwaltungsdirektor der größten Jüdischen Gemeinde NRWs in Düsseldorf, Michael Szentei-Heise, am Dienstag (10.03.2020) im Interview mit dem WDR 5-Landesmagazin "Westblick". Nach mehr als 33 Jahren an der Spitze der Gemeinde zog er eine überwiegend positive Bilanz seiner Amtszeit - der wieder aufkeimende Antisemistismus in der Gesellschaft macht ihm jedoch zu schaffen.

Jüdisches Leben in der Stadt etabliert

"Ich bin stolz, dass nicht nur die Gemeinde stark gewachsen ist, sondern in der Stadt Institutionen entstanden sind, die die Gemeinde heute zu einem integralen Bestandteil der Stadtgesellschaft machen", erzählte der 65-Jährige. Die Jüdische Gemeinde betreibt die inzwischen größte Kita in der Stadt. Die Gründung des ersten jüdischen Gymnasiums in NRW im Jahr 2016 im Düsseldorfer Norden bezeichnete Szentei-Heise als "historisch großen Schritt".

Abschied mit Stolz - und Sorge

WDR 5 Westblick - Interview 10.03.2020 10:25 Min. Verfügbar bis 10.03.2021 WDR 5 Von Stephan Karkowsky

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Der in Ungarn geborene Jude, dessen Mutter das Konzentrationslager Auschwitz überlebte, hielt aber auch mit klarer Kritik nicht hinter dem Berg, wenn sie für ihn angemessen schien. Den früheren Bahnchef Hartmut Mehdorn bezeichnete er 2008 als "Führer der neuen Reichsbahn", weil der Konzern für die Fahrten des "Zuges der Erinnerung", der an die Deportationsfahrten in der NS-Zeit erinnerte, Trassengebühren erhoben hatte.

Zunehmender Antisemitismus bereitet Sorge

V.l.n.r.: Felix Banaszak, Mona Neubaur (beide Bündnis 90/Die Grünen), Armin Laschet (CDU), Joachim Stamp (FDP) und Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf.

V.l.n.r.: Felix Banaszak, Mona Neubaur (beide Bündnis 90/Die Grünen), Armin Laschet (CDU), Joachim Stamp (FDP) und Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf.

Schwer enttäuscht zeigte sich Szentei-Heise dagegen von den zunehmenden antisemitischen Anfeindungen in den vergangenen Jahren. Dass trotz des Anschlags auf eine Synagoge in Halle die AfD bei der kurz darauf folgenden Landtagswahl in Thüringen fast 25 Prozent der Stimmen erhielt, habe ihn "ganz schlimm entsetzt"", berichtete Szentei-Heise.

"Darüber beginne ich zu sinnieren, wann es eigentlich Zeit ist, das Land zu verlassen." Spätestens 2025, so prophezeit er, könnte die AfD realistische Chancen haben, Teil der Bundesregierung zu werden. Er hoffe sehr, dass dies nicht passiere, denn Düsseldorf sei seine Heimat geworden, betonte Szentei-Heise: "Hier will ich meinen Lebensabend verbringen."

Für die Zeit nach seiner Pensionierung zum 1. April hat Szentei-Heise nach eigener Aussage genug Pläne. Zum einen wolle er reisen, und mehr Zeit in einer neu gemieteten Wohnung im Süden Spaniens verbringen.

Stand: 10.03.2020, 16:27

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