Aachens Altstadt im Wandel: Vom Parkhaus zur "Wiese"

Abrissbagger am Büchel

Aachens Altstadt im Wandel: Vom Parkhaus zur "Wiese"

Von Ulrike Zimmermann

Im Herzen der Aachener Altstadt eröffnen sich neue Durchblicke. Täglich ist vom einstigen Büchel-Parkhaus weniger zu sehen.

Die Abbruchbagger leisten ganze Arbeit. Und das Erstaunliche: Das freie Areal soll nach dem Abriss des grauen Betonklotzes nicht wieder völlig zugebaut werden. Wie sich die historische Altstadt von Kaiser Karl dem Großen in der jüngeren Vergangenheit ändert - eine kleine Zeitreise.

Der Büchel im Wandel der Zeit

Impressionen und Entwürfe zur Zukunft des Parkhaus-Areals im Rückblick

Abrissbagger am Büchel

Ende Oktober 2021 machen Abrissbagger am Büchel das ehemalige Parkhaus dem Erdboden gleich

Ende Oktober 2021 machen Abrissbagger am Büchel das ehemalige Parkhaus dem Erdboden gleich

Ende Oktober 2021 machen Abrissbagger am Büchel das ehemalige Parkhaus dem Erdboden gleich

Ende Oktober 2021 machen Abrissbagger am Büchel das ehemalige Parkhaus dem Erdboden gleich

Lange bleibt unklar, was mit dem Büchel-Parkhaus passieren soll. Im Oktober 2020 nutzen Künstler das Gebäude für eigene Arbeiten

Lange bleibt unklar, was mit dem Büchel-Parkhaus passieren soll. Im Oktober 2020 nutzen Künstler das Gebäude für eigene Arbeiten

Investoren-Wettbewerb 2015: Der Siegerentwurf des Architekturbüros Chapman Taylor sieht einen Mix aus Wohnen, Handel, Büros und Gastronomie vor

Investoren-Wettbewerb 2015: Der Siegerentwurf des Architekturbüros Chapman Taylor sieht einen Mix aus Wohnen, Handel, Büros und Gastronomie vor

Investoren-Wettbewerb 2006: Der Siegerentwurf "Trendbox" vom Architekturbüro Benthem Crouwel

Anfang der 1960er Jahre rollen die ersten Autos in das große Parkhaus mitten in der Aachener Altstadt. Die autofreundliche Innenstadt ist voll im Trend. Wie selbstverständlich fährt man mit dem Pkw zum Einkaufen in die Stadt. Parken will man zentral, möglichst nah an den Geschäften.

Parkhaus-Verkehr in engen Altstadtstraßen

Bald zeigen sich die Schattenseiten. Um zum Büchel-Parkhaus zu kommen, müssen die Autos durch die engen Straßen des Altstadtquartiers fahren. In Spitzenzeiten, besonders in der Weihnachtszeit, stehen die Autos Stoßstange an Stoßstange. Es gibt da schönere Orte zum Bummeln.

Erste Überlegungen zum Abriss des Büchel-Parkhauses kommen Ende der 1980er Jahre auf. SPD und Grüne haben zum ersten Mal das Sagen im Rathaus und verfolgen eine andere Stadtentwicklungs- und Verkehrspolitik als bisher die CDU. Weniger Autos in der Innenstadt, ist die neue Devise. Einzelhändler stehen Kopf. Sie bangen um Kunden und Umsatz.

Büchel - Der Abriss und ein Ende 02:42 Min. Verfügbar bis 11.11.2022

Trendwende: Von der Auto- zur Fußgänger-Innenstadt

Das Parkhaus wird zunehmend als Schandfleck in der schönen Altstadt empfunden. Es soll Platz machen für Geschäfte. Erste Ideen für ein Shoppingcenter scheitern. Dann ein Investoren-Wettbewerb 2006: Der Siegerentwurf "Trendbox" zeigt ein Einkaufszentrum mit mattgoldener Metallfassade. "Ein neuartiges Lifestyle-Center", sagen die Macher. Vorgesehen sind Shops, Events, Erlebnisgastronomie und eine Dachterrasse mit - je nach Jahreszeit - Strandbar oder Eisbahn. Dann wechseln die Investoren. Neue Macher, neue Pläne.

"Bel Etage"-Pläne: Shoppen und Hotel

Das nächste Projekt heißt "Bel Etage". Angekündigte Termine für einen Abriss entpuppen sich als leere Versprechungen. Das Nutzungskonzept wird geändert: weniger Life-Style-Shoppen, dafür Büros und ein Hotel. Doch auch dieses Vorhaben platzt.

Der große Wurf – doch Investoren springen ab

2015 ein neuer Wettbewerb: Dieses Mal soll für das gesamte Büchel-Quartier samt seinem Rotlichtbezirk, der Antoniusstraße, ein städtebauliches Konzept her. Entstehen soll ein kleinteiliger Mix aus Wohnen, Handel, Büros und Gastronomie. Den Siegerentwurf vom Architekturbüro Chapman Taylor wollen zwei Aachener Investoren umsetzen, die das Parkhaus gekauft haben. Doch die Investoren springen wieder ab.

Rückkauf und neues Ziel: Wissen, Wohnen, Wiese

2019 kauft die Stadt das Parkhaus wieder zurück und arbeitet seitdem daran, den Büchel in Eigenregie zu stemmen. Die Stadt nennt als neue Leitideen für die Entwicklung des Parkhaus-Grundstücks die drei Elemente Wissen, Wohnen und Wiese.

Vom Einzelhandel ist keine Rede mehr. Nicht, dass der keine Rolle mehr spielt, aber seine beherrschende Stellung in der Altstadt hat er verloren. Drei Planer-Teams haben jeweils einen städtebaulichen Entwurf skizziert. Mal liegt der Schwerpunkt auf viel Grün, mal auf viel Wohnraum, mal auf Bildungs- und Wissenseinrichtungen - so war die Vorgabe der Stadt.

Die Grundidee: viel öffentlicher Platz

Die Politik hat sich entschieden – für das Konzept "Wiese" mit viel öffentlichem Platz und wenig Bebauung. Der Vorsitzende des städtischen Planungsausschusses, Michael Rau: "Wir sind uns einig, dass die ganze Stadt einem wahnsinnigen Transformationsprozess unterlegen ist, und man sich gut überlegen muss, was bauen wir noch neu dazu."

Weniger Gebäude heißt auch weniger Erdgeschosse für Läden, Gastronomie oder Gewerbe, und das ist gewollt. Matthias Rottmann vom Planungsteam "Wiese" sagt mit Blick auf die vielen Leerstände in Aachen und anderen Innenstädten: "Wir müssen gucken, ob wir langfristig überhaupt genug Nutzung für Erdgeschosse haben."

Lebensgefühl in der Stadt – statt Rendite

Auf dem Büchel-Grundstück soll etwas Neues entstehen, von dem alle in Aachen profitieren. Exemplarisch steht dieses Projekt für mehr Lebendigkeit, Vielfalt und Öffentlichkeit in der Innenstadt. Die Stadt leistet sich diesen Freiraum, weil sie im Gegensatz zu privaten Investoren nicht "von Rendite getrieben" ist, heißt es aus der Politik.

Für die Entwicklung des Altstadtquartiers gibt der Bund 5,5 Millionen Euro aus dem Fördertopf "Nationale Projekte des Städtebaus".

Aachen als entschleunigte Stadt  

In einem Thesenpapier für den Bauausschuss des Bundestages skizziert Aachens Planungsdezernentin Frauke Burgdorff die Entwicklungen der letzten 15 bis 20 Jahre so, und meint damit nicht nur Aachen: "Die Fußgängerzonen sind Shoppingtunnel geworden, Ausgehmeilen sind – genauso wie Einfallstraßen – kaum noch bewohnbar, Shopping Center und Parkhäuser verstopfen die Zugänge zu den wichtigen Flaniermeilen, die autodominierte Stadt nimmt wichtigen Raum für das öffentliche Miteinander, für entspanntes Schlendern, für Kultur und Bildung, Spiel und Vergnügen." Für das alles soll bald am Büchel in Aachen wieder Platz sein.

Stand: 11.11.2021, 06:00

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