Generation Z: Großes Interesse an der NS-Vergangenheit

Stand: 25.01.2022, 13:34 Uhr

Die Generation Z – also die Generation der 16- bis 25-Jährigen – setzt sich mehr und intensiver mit der NS-Vergangenheit auseinander als die Generation ihrer Eltern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Kölner Rheingold Instituts, die am Dienstag vorgestellt wurde.

Von Renate Streit

Dabei geht es den Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht nur um Daten und Fakten, sie wollen die Motive der Täter in der Zeit des Nationalsozialismus verstehen.

Wie konnte es soweit kommen? Wie hätte ich mich in der NS-Zeit verhalten? Das sind dabei zentrale Fragestellungen. „Die jungen Menschen wollen selbst die Moral der Geschichte erkennen“, sagt Stephan Grünewald, Psychologe und einer der Studienleiter. Doch diese Auseinandersetzung sei für viele der Befragten auch beängstigend. So gab ein Drittel an, Angst zu haben damals auch auf der Seite der Nazis gestanden zu haben, nur um besser dazustehen.

NS-Zeit als Gegenbild zur aktuellen Situation

Dennoch übt die Vergangenheit für Jugendliche und junge Erwachsene eine große Faszination aus. Denn für sie ist die NS-Zeit eine Art Gegenbild zu ihrer jetzigen Situation. Junge Menschen heute können entscheiden, wie sie denken und leben möchten, welchen Beruf sie lernen, wie sie ihre Freizeit gestalten. Der Alltag in der NS-Zeit war dagegen geprägt von der Pflicht zum Gehorsam und den Überzeugungen und Lehren des Nationalsozialismus.

Diese „erschreckende Andersartigkeit und Monstrosität“, so die Studie, verleihe der NS-Zeit für die Generation Z eine Art Angst-Faszination, die sich in Aussagen einiger der Befragten spiegelt: „Die NS-Zeit war so absurd und grausam, manchmal fällt es mir schwer, diese Vorfälle wirklich zu glauben.“ Dennoch überfordere die Freiheit, das Leben selbst zu bestimmen, manche der Generation Z und lasse den Wunsch nach klaren Regeln und Vorgaben entstehen.

Geschichtsvermittlung auf TikTok: "Bezug schaffen"

WDR 5 Morgenecho - Interview 25.01.2022 06:35 Min. Verfügbar bis 25.01.2023 WDR 5


Download

„Ich kann nichts für damals, aber ich kann etwas für heute."

Kaum einer der Generation Z kennt noch Zeitzeugen, Menschen, die die NS-Zeit erlebt haben, so die Studie. Das erkläre auch, warum sie sich mehr mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzt als ihre Eltern. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen können „befreit von dem Gefühl eigener Schuld“ auf die Zeit blicken, so die Studie. „Ich kann nichts für damals, aber ich kann etwas für heute“, sagen Befragte.

Ein weiteres Ergebnis: Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit sensibilisiert die Generation Z auch für die Gegenwart. Dabei sind Diskriminierung und Rassismus zentrale Themen für sie. 48 Prozent der Befragten sehen einen Zusammenhang zwischen der NS-Zeit und aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Das zeigen Aussagen wie diese: „Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass mir die Mechanismen der NS-Zeit keine Angst machen würden. Wenn sich die Geschichte wiederholt, würde es mich treffen.“

Kritischer Umgang mit den Medien

Zeitzeugen berichten aus der NS-Zeit

Zeitzeugen berichten aus der NS-Zeit

Die Generation Z sei daher sehr kritisch und hinterfrage Medienberichte und Posts in den sozialen Medien. Fast die Hälfte der Befragten habe aber auch den Eindruck, dass man manche Sachen nicht sagen darf, ohne in eine Schublade gesteckt zu werden. Der Wunsch nach freier und offener Auseinandersetzung sei daher groß.

Dabei interessieren sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen aber nicht für reine Daten und Fakten, sie wollen ganz konkreten Einblick in den damaligen Lebensalltag: zum Beispiel über Erzählungen von Zeitzeugen oder Original-Dokumente. Trockene Wissensvermittlung wie in der Schule reiche dabei nicht, sie setzen eher auf Podcasts oder Videos, so die Studie.

Mehr als 1.000 Studien-Teilnehmer

Für die Studie hat das Kölner Rheingold Institut 100 Jugendliche und Erwachsene tiefenpsychologisch befragt und die Ergebnisse analysiert. Anschließend wurden zur quantitativen Erhebung noch einmal 1.058 Jugendliche und Erwachsene befragt. Auftraggeber waren die "Arolsen Archives". Das Zentrum für Dokumentation, Information und Forschung über die nationalsozialistische Verfolgung bewahrt Originaldokumente über Opfer und Überlebende des Nationalsozialismus auf.