Köln: Prozess um den Mord an einem städtischen Mitarbeiter beginnt

Köln: Prozess um den Mord an einem städtischen Mitarbeiter beginnt

Von Jochen Hilgers

  • Beschuldigter beruft sich auf Notwehr
  • Staatsanwaltschaft will Unterbringung in geschlossener Psychiatrie
  • Gefährlichkeit des Angreifers war aktenkundig

Der Prozess begann mit einer Überraschung. Der Beschuldigte beruft sich nach Angaben seiner Anwältin auf Notwehr. Er habe sich durch den Vollstreckungsbeamten und dessen Kollegin bedroht gefühlt. Diese Einlassung muss nun in den kommenden zehn Verhandlungstagen überprüft werden.

Küchenmesser als Tatwaffe

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte der 60-jährige sein Opfer unvermittelt mit einem Küchenmesser angegriffen und tödlich verletzt. Der 47-jährige Beamte der Kölner Vollstreckungsbehörde hatte eine Geldforderung eintreiben wollen. Eine Haftstrafe hat der Beschuldigte nicht zu fürchten. Die Anklagebehörde hält ihn für psychisch krank und will die dauerhafte Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik erreichen. 

Unterbringung in psychiatrischer Einrichtung

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An zehn Verhandlungstagen wird es also nicht um die Länge einer möglichen Haftstrafe, sondern um die Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung gehen.

Schon Angriff auf städtische Mitarbeiter im Sommer zuvor

Dass der 60-jährige Angeklagte allem Anschein nach schon lange sehr gefährlich war, war schon vor der Tat aktenkundig. Monate vor dem tödlichen Angriff auf den 47-jährigen Vollstreckungsbeamten hatten ein Amtsarzt und dessen Mitarbeiterin an der Wohnung in Köln-Dünnwald ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch hier soll der 60-Jährige die beiden städtischen Mitarbeiter unvermittelt angegriffen haben. Die Beamtin konnte einen Angriff mit einem Schraubenzieher aber abwehren. Sie und der Amtsarzt sollten den Geisteszustand des 60-jährigen überprüfen und hatten sich zwei Polizeibeamte zum Schutz mitgenommen. Der Amtsarzt war über die Gefährlichkeit seines Gegenüber also informiert. Der Vollstreckungsbeamte nicht.

Behördenübergreifendes Meldesystem als Folge des tödlichen Angriffs

Hintergrund: Zur Tatzeit gab es innerhalb der Kölner Stadtverwaltung kein abgestimmtes Computerprogramm, mit dem Warnhinweise zwischen den verschiedenen Behörden hätten ausgetauscht werden können. Das wurde erst vor Kurzem wegen der Erfahrungen in Köln-Dünnwald eingerichtet. Auch die Staatsanwaltschaft Köln gab in dem Verfahren kein gutes Bild ab. Nach dem Angriff auf den Amtsarzt und seine Kollegin war der 60-Jährige in die Psychiatrie eingewiesen worden. Dort soll er zwei Pfleger angegriffen haben. Polizei und Klinik wollten daraufhin offenbar eine dauerhafte Unterbringung des 60-jährigen erreichen.  Ein Staatsanwalt beauftragte damals einen Gutachter, der den Geisteszustand des späteren mutmaßlichen Täters untersuchen sollte. Da der Gutachter sich nicht meldete, verlief  das Verfahren offenbar im Sande. Der 60-Jährige wurde wieder nach Hause entlassen. Das alles wird im Prozess eine Rolle spielen.

Opfer war aktiver Karnevalist

Nicht nur wegen der tragischen Hintergründe  war die Anteilnahme am Tod des 47-jährigen Stadtmitarbeiters sehr groß. Der Vollstreckungsbeamte war unter anderem im Karneval aktiv. Zu seiner Beisetzung kamen hunderte Kollegen und Freunde - manche in Uniform ihrer Karnevalsgesellschaft.

Stand: 03.07.2020, 10:01

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