Erst Flutopfer, dann Betrugsopfer

Windige Geschäfte mit der Not der Flutopfer Lokalzeit2go - Bonn 30.07.2021 03:16 Min. Verfügbar bis 30.07.2022 WDR Bonn

Erst Flutopfer, dann Betrugsopfer

Von Sebastian Tittelbach

Unter die Helfer in den Katastrophengebieten haben sich Betrüger gemischt, um im Durcheinander Kasse zu machen. Ihre Methoden sind teils raffiniert, teils dreist. 

Richtig Pech hatte Alexa Rohde aus Kall im Kreis Euskirchen. Die Flut hat ihr Auto völlig zerstört, das Wasser stand im Keller und im Erdgeschoss und hat das Gartenhaus fortgespült. Und direkt nach dem Wasser kamen die Abzocker. Eine Firma lieferte ihr viel zu schwache Bautrockner und verlangte eine Wochenmiete, die fast so hoch lag wie der Neupreis der Geräte. 

"Kriegsgewinnler" verlangen überzogene Preise

Danach kam ein Elektriker, um den Strom wieder einzuschalten. Das gelang ihm nur unzureichend, trotzdem sollte Alexa Rohde für etwas mehr als eine Stunde Arbeit 451 Euro zahlen: "Als ich mich dann beschwerte, meinte er, das wäre völlig in Ordnung, er könnte auch 600 oder 700 Euro verlangen." Alexa Rohde nennt solche Fälle "Kriegsgewinnler".

Andere Flutopfer hatten noch mehr Pech, weil sie Bautrockner im Internet per Vorkasse bestellt haben und dabei an Fake Shops geraten sind. Die Polizei Bonn ermittelt in mehreren Fällen, doch das Geld ist meistens weg. Manchmal gelingt es den Behörden, die Shops abzuschalten, damit nicht noch mehr Menschen darauf reinfallen. Doch die Ermittler räumen ein, dass es für die Betrüger leicht sei, vom Ausland ganz schnell neue Fake Shops ins Netz zu stellen. 

Euskirchener Bürgermeister: Vertrauen schwindet

Die Fälle von Betrug und Abzocke entwickeln sich in den Katastrophengebieten zu einem echten Problem, weil das Misstrauen wächst. In Euskirchen sollen sich Betrüger als amtliche Statiker ausgegeben haben, die im Auftrag der Stadtverwaltung beschädigte Häuser begutachten. Bürgermeister Sacha Reichelt (parteilos) zeigt sich verärgert, weil sich dadurch die Flutopfer zunehmend fragen, ob der freundliche Mensch an der Haustür ein Helfer oder ein Betrüger sei: "Das ist das besonders tragische, weil das Vertrauen erstmal so stark aufgebaut worden ist und jetzt gibt es einzelne, die das wieder kaputt machen."

Betrug gibt es auch bei den Soforthilfen. Betrüger versuchen dabei an die Kontodaten ihrer Opfer zu kommen oder sie bieten gegen Provision eine "Ausfüllhilfe" an. Dabei gibt es zum Beispiel in Euskirchen die Formulare und eine Beratung direkt am Rathaus.

Vorsicht bei unerwarteter Hilfe an der Haustür


Die Leiterin der Euskirchener Verbraucherzentrale, Monika Schiffer, rät gerade bei unerwarteter Hilfe an der Haustür zur Vorsicht: "Ich würde grundsätzlich überlegen, wie komme ich eigenständig an Formulare und Hilfeleistungen, anstatt auf etwas zu reagieren, was zu mir kommt. Denn das habe ich nicht selbst ausgewählt und da weiß ich nie, was dahinter steckt."

Trotz der schlechten Erfahrungen, es sind nicht nur Betrüger am Werk. Alexa Rohde aus Kall hat auch echte Hilfe erfahren. Neben dem Schuttberg vor ihrem Haus steht ein neues Auto. Ein Hersteller leiht es ihr kostenlos für drei Wochen.

Stand: 30.07.2021, 17:09