Reportage: Solingen steht nachts still

Reportage: Solingen steht nachts still

Von René Rabenschlag

In Solingen sind in der Nacht auf Freitag erstmals die nächtlichen Ausgangsbeschränkungen kontrolliert worden. Wegen der besonders hohen Corona-Infektionswerte hat die Stadt verfügt, dass sich zwischen 22 und 5 Uhr niemand mehr auf den Straßen bewegen darf – mit wenigen Ausnahmen.

Es ist 22 Uhr. Genau jetzt dürfen die Solinger nicht mehr nach draußen. Der Busbahnhof in der Innenstadt wirkt schlagartig wie leergefegt. Eine Passantin wartet etwas nervös am Bussteig. Sie hat einen alten Mann betreut und dann den Bus verpasst. Jetzt hofft sie, nicht in eine Kontrolle zu geraten: "Ich hab da panische Angst vor, dass ich jetzt kontrolliert werde. Im Endeffekt habe ich noch nichts schriftlich darüber, dass ich auf ihn aufpasse. 300 Euro sind schon ne Menge."

Zwei Kontrollteams für ganz Solingen

Zwei Mitarbeiter des Ordnungsamts sind in Solingen unterwegs

Die Kontrollteams sind in Solingen unterwegs

Das wäre die höchstmögliche Strafe, die das Ordnungsamt verhängen könnte. Zwei Teams der Behörde machen sich zunächst zu Fuß im Innenstadtbereich auf den Weg. Es ist der härteste Eingriff in die persönliche Freiheit seit Jahrzehnten. Es gibt Ausnahmen für Berufspendler, Tierbesitzer und Ehrenamtler. Doch im Prinzip ist es jetzt bis 5 Uhr morgens verboten, sich im öffentlichen Raum zu bewegen. In der Fußgängerzone ist ein Mann alleine unterwegs. Die städtischen Mitarbeiter sprechen ihn an. Er kann aber eine Bestätigung seines Arbeitgebers vorweisen. Ein anderes Mal trifft die Streife auf ein Pärchen in einem Hinterhof. Sie werden freundlich aber bestimmt nach Hause verwiesen.

Solingen hat besonders hohe Infektionswerte

Eine Uhr zeigt die Zeit: 22 Uhr

Ab 22 Uhr gilt die Ausgangsbeschränkung

Die Stadt hat diese drastische Maßnahme ergriffen, weil die täglichen Inzidenzwerte seit Wochen zum Teil über 250 liegen. Einzelne Hotspots gibt es hier nicht. Die Behörden gehen davon aus, dass sich Menschen im Privaten anstecken. Doch wer vor 22 Uhr zu Hause sein muss, will privat nicht richtig feiern. So ist jedenfalls die Hoffnung von Ordnungsdezernent Jan Welzel: "Wir setzen auf Einsicht, dass die Menschen wirklich begreifen: Ich könnte Ärger kriegen. Ich bleib zu Hause. Ich mach einfach die spontane Feier eben nicht und leiste damit meinen Beitrag, dass es weniger Begegnungen gibt."

Stadt zieht positive Bilanz

Tatsächlich wirkt Solingen in dieser Nacht sehr leer. Kaum ein Auto ist auf der Straße. Am Freitag ziehen Polizei und Ordnungsamt eine positive Bilanz ihrer Kontrollen der nächtlichen Ausgangsbeschränkung. Die meisten konnten nachweisen, dass sie beruflich unterwegs waren oder andere Ausnahmeregeln galten. 20 Mal haben Polizei und Ordnungsdienst mündliche Verwarnungen ausgesprochen. Das mögliche Bußgeld von 300 Euro wurde vorerst nicht verhängt.

Stand: 18.12.2020, 22:00

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